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Die Rekordfahrt der Mallard

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TheBlackman


10.3.2006 16:23:50
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Einige von euch kennen sicherlich Navy NCIS, eine der wenigen wirklich guten Serien die zur Zeit laufen.
Unter anderen ist dort David McCallum als Dr. Donald 'Ducky' Mallard in einer der Hauptrollen zu sehen. In der Folge  "Alptraum im Keller" aus der ersten Staffel wird unter anderem auf den gleichnahmigen Zug hingewiesen. 

Aus purer Neugier hab ich mal ein wenig recherchiert und siehe da diesen Zug gibt es wirklich und seine Geschichte ist gar nicht mal so uninteressant:


Die Rekordfahrt der "Mallard" 1938


Die "Mallard" beim 50. Jubiläum der Rekordfahrt im Jahr 1988

Die Lokomotive Nr. 4468 "Mallard" (englische Bezeichnung für Stockente), war als erste der Klasse A4 mit einer leistungssteigernden Kylchap-Saugzuganlage mit Doppelschornstein ausgestattet. Sie erreichte am 3. Juli 1938 mit einem 244 t schweren Zug eine Geschwindigkeit von 125 mph (201,2 km/h). Manche Quellen geben auch 126 mph (202,8 km/h) an, doch selbst Gresley bezweifelte diesen Wert, weil er nur für einen kurzen Moment aufgezeichnet wurde und wahrscheinlich nur ein erschütterungsbedingter Meßgeräte-Ausschlag war. Der zwei Jahre früher aufgestellte Rekord der deutschen 05 002 (200,4 km/h) war damit jedoch in jedem Fall überboten worden.
Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die A4 deutlich kleiner war als die deutsche Baureihe 05, eine weniger optimierte Stromlinienverkleidung und einen deutlich kleineren Treibraddurchmesser von nur 2.032 mm im Vergleich zu den 2.300 mm der Baureihe 05 hatte. Die Klasse A4 muss also eher mit der Baureihe 01.10 verglichen werden.

Der Rekord der "Mallard" wurde nie offiziell überboten, d.h. mit einer exakten Aufzeichnung der Geschwindigkeit mit Hilfe eines Meßwagens. Dennoch bestehen wenig Zweifel daran, daß einige Dampflokomotiven in den USA "inoffiziell" schneller gefahren sind. Die größte und leistungfähigste Schnellzugdampflokomotive überhaupt, die Klasse S1 der Pennsylvania Railroad (PRR), soll Geschwindigkeiten bis zu 227 km/h erreicht haben. Auch die der Klasse A der Chicago, Milwaukee, St. Paul & Pacific Railroad nachgesagten Geschwindigkeiten von bis zu 209 km/h erscheinen angesichts der Leistung und Konstruktion dieser Stromlinienlokomotiven plausibel.

In den USA gelten oft 127,1 mph (205 km/h) als die höchste je von einer Dampflokomotive erreichte Geschwindigkeit. Diese soll schon 1905 von einer Atlantic der Klasse E2 der PRR erreicht worden sein. Fachleute bezweifeln die damals stolz veröffentlichten Angaben der PRR jedoch, weil die Lokomotive rechnerisch die erforderliche Leistung nicht hätte aufbringen können.

Diskussion des Rekords

Der Rekord ist oft in Frage gestellt worden, weil er auf einer leicht abschüssigen Strecke erreicht wurde und bei dieser Fahrt ein Treibstangenlager heißlief und anschliessend ausgewechselt werden musste. Die "Mallard" war damit also an ihrer Leistungsgrenze angelangt, während die 05 002 möglicherweise noch schneller hätte fahren können.



Nachkriegsrekord

Eine weitere A4, die "Sir Nigel Gresley", hat die schnellste Fahrt einer britischen Damflokomotive nach dem Zweiten Weltkrieg absolviert. Am 23. Mai 1959 erreichte sie eine Geschwindigkeit von 112 mph (180,3 km/h). Diese Leistung wurde 1972 von der allerdings wesentlich moderneren deutschen 18 201 knapp
überboten.


Verbleib

Eine der A4-Lokomotiven, die Nr. 4469 "Sir Ralph Wedgwood", wurde im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombentreffer schwer beschädigt und ausgemustert. Die übrigen 34 Lokomotiven kamen zu den British Railways.

Während die Stromlinienverkleidungen der Deutschen Schnellfahrlokomotiven nach dem Krieg entfernt wurden, um die Wartung zu vereinfachen, behielten die A4 ihre Verkleidung bis auf die entfernte Abdeckung des Triebwerks und der Treibräder. In dieser Form und mit einer schwarz-grünen Lackierung waren sie bis in die 1960er Jahre im Einsatz.

Die "Mallard" wurde 1963 ausgemustert und in den Ursprungszustand versetzt, wobei die Verkleidung wieder vervollständigt wurde und sie auch wieder ihre blaue Lackierung erhielt. Sie kam zunächst in das Clapham-Eisenbahnmuseum in London und steht heute im National Railway Museum in York.

Einschließlich der "Mallard" sind heute noch sechs A4 erhalten, drei davon betriebsfähig. Eine dieser Lokomotiven ist die im obersten Bild gezeigte "Union of South Africa", Nummer 60009 (früher 4488). Auch die "Mallard" gilt als wahrscheinlich betriebsfähig, das Kesselzertifikat ist jedoch abgelaufen.

Die Nr. 4489 "Dominion of Canada" und die Nr. 4496 "Dwight D. Eisenhower" wurden nach Übersee gebracht und stehen im Canadian Railway Museum bzw. im National Railroad Museum.



TheBlackman


10.3.2006 16:30:45
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So, für die die es interessiert her ein paar Infos über den 1936 aufgestellten Rekord mit der DRG Baureihe 05.

DRG Baureihe 05

Die Lokomotiven der Baureihe 05 waren Einheits-Schnellzuglokomotiven der Deutschen Reichsbahn.



Angesichts der Konkurrenz durch Dieseltriebwagen wie dem Fliegenden Hamburger in der Mitte der 1930er Jahre versuchte die Lokomotivbauindustrie schnellere Dampflokomotiven zu bauen. Erste Schnellfahrtversuche wurden mit zwei bereits bei ihrer Lieferung durch Borsig teilweise stromlinienförmig verkleideten Loks der Baureihe 03 unternommen. Nach erfolgreichem Abschluss stellte die Firma Borsig 1935 die beiden Maschinen mit den Baureihen-Nummern 05 001 und 002 her.

Die Stromlinienverkleidung der 05 umschloss diese vollständig und reichte bis wenige Zentimeter über der Schienenoberkante herab. Das Triebwerk war über Rollläden zugänglich.

Nach mehreren Versuchsfahrten mit Geschwindigkeiten zwischen 170 und 190 km/h erreichte die 05 002 am 11. Mai 1936 auf ebener Strecke zwischen Hamburg und Berlin bei Friesack eine Geschwindigkeit von 200,4 km/h bei einer gemessenen Leistung von 3.400 PSi. Dies stellte den Geschwindigkeitsweltrekord für Dampflokomotiven dar, der allerdings zwei Jahre später von der britischen Lokomotive "Mallard" (LNER Klasse A4) mit 201,2 km/h und einer kurzzeitigen Spitze von 202,6 km/h auf einer leicht abschüssigen Strecke geringfügig überboten wurde. Die verglichen mit der A4 wesentlich leistungsfähigere und auch mit größeren Treibrädern ausgestattete Baureihe 05 wäre wahrscheinlich in der Lage gewesen, diesen Rekord erneut zu überbieten; ein entsprechener Versuch ist jedoch nie unternommen worden.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Loks dem Bahnbetriebswerk Hamm zugeordnet. Mit der Anlieferung von Lokomotiven der Baureihe V 200 wurden die drei 05 überflüssig und 1958 ausgemustert.

TheBlackman


10.3.2006 16:37:03
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Und soeben bin ich noch auf diese Geschichte gestoßen, auch sehr interessant zu lesen.

PRR Klasse S1



Die Lokomotive der Klasse S1 der Pennsylvania Railroad war die mit Abstand größte, leistungsfähigste und schnellste Schnellzug-Dampflokomotive der Welt und auch die einzige mit der Achsfolge 3'BB3'. Die S1 entstand im Jahr 1939 in den bahneigenen Werkstätten in Altoona.

Ungewollter Rekord

Da ihre Leistung von ca. 8.000 PS in der Praxis selbst für die schwersten und schnellsten Züge nicht benötigt wurde, gab es immer wieder unbeabsichtigte oder auch beabsichtigte Überschreitungen der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, die auf der Stammstrecke der S1 auf 120 mph (193 km/h) festgelegt war.

Beamte der Interstate Commerce Commission (ICC) fuhren stichprobenartig in Zügen mit und überwachten die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten mit Stoppuhren, wobei in der Regel die Zeit zwischen dem Passieren zweier Meilenpfosten gemessen wurde. Im März 1946 wurde bei einer solchen Gelegenheit nach Angaben der Kontrolleure eine Geschwindigkeit von 227,2 km/h (141,2 mph) gemessen. Damit wäre die S1 die mit großem Abstand schnellste Dampflokomotive der Welt.

Auch wenn eine Messung mit Stoppuhren nicht sehr genau ist (im geschilderten Fall wurde eine Meile in 25,5 Sekunden durchfahren), erscheint diese Geschwindigkeit angesichts der Leistung der S1 durchaus nicht unrealistisch, obwohl sie dabei nicht - wie auf geplanten Rekordfahrten üblich - nur wenige Wagen zog, sondern einen schweren Schnellzug. Der "Trail Blazer" genannte Zug, den die S1 bei ihrer Rekordfahrt gezogen hat, bestand in der Regel aus bis zu 20 sechsachsigen Stahlwagen und hatte ein Gewicht von mehr als 1.400 t; rechnet man das Gewicht von Lokomotive und Tender hinzu, sind das mehr als vier komplette ICE 3.

Für die PRR war dieser unbeabsichtigte Rekord jedoch kein freudiges Ereignis. Die Bahn wurde mit einem Bußgeld belegt und hütete sich auch davor, den vorschriftswidrig erzielten Rekord bekannt zu geben. Außerdem durfte die S1 daraufhin nur noch 100 mph (161km/h) fahren, und dies wurde streng kontrolliert.


Ende des Betriebseinsatzes

Nachdem sie wegen der Geschwindigkeitsbegrenzung nicht mehr im Sinne der PRR für den hochwertigen Schnellzugdienst verwendet werden konnte, wurde die S1 vermehrt für Eilgüterzüge eingesetzt, aber dafür war sie wegen der Anfahrschwierigkeiten nicht geeignet. Schon 1949 wurde die Lokomotive deshalb ausgemustert, und weil sich kein Museumsplatz für eine so große Lokomotive fand, wurde sie verschrottet.




Wirklich schade, dass diese Lokomotive verschrottet wurde, wer weiß was für Geschwindigkeiten sie noch geschafft hätte.



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