Dieses Archiv enthält einen Auszug des Forums für deutsche Geschichte vom 24.10.2005 bis zum 19.04.2010. Wenn Sie mitdiskutieren möchten, besuchen Sie unser Forum unter forum.balsi.de.

England in den Dreibund?

zurück zur Forenübersicht
AutorBeitrag

The Real Blaze


8.2.2006 21:41:45
Direktverweis
8.2.1909 Das »Berliner Tageblatt« veröffentlicht einen Bericht, nach dem Großbritannien der Regierung in Berlin zwischen 1899 und 1901 mehrfach den Beitritt zum sog. Dreibund, dem Verteidigungsbündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien angeboten habe. Das Angebot sei jedoch abgelehnt worden. Der Bericht, der von der Reichsregierung dementiert wird, löst in der Öffentlichkeit heftige Diskussionen aus.

Man weiß ,wie das so ist mit den Regierungsdementis. Kennt sich jemand aus, der da handfeste Fakten hat? Und wenn ja am besten gleich die Gründe warum Deutschland ablehnte. Großbritanien im Dreibund...da hätte es nie einen Weltkrieg gegeben... 

waldi44


9.2.2006 12:06:52
Direktverweis
Es gab, zugegebenremassen etwas später , den angeblichen "Wunsch" der UdSSR Mitglied der NATO zu werde. Das wurde abgelehnt. Schliesslich waren beide Bündnisse gegen den jeweiligen "Eintrittswilligen" gerichtet. Es wäre ja geradezu widernatürlich gewesen und ob ernst gemeint ist ohnehin zweifelhaft.

The Real Blaze


9.2.2006 22:00:24
Direktverweis
Nun aber England hatte doch mit dem Deutschen Reich mehr Gemeinsamkeiten, als etwa Frankreich. Schließlich gab es ja auch preußisch- englische Bündnisse und vorallem verwandtschaftlich gab es enge Bindungen miteinander. Ist also kein Vergleich zum Verlangen der UdSSR. Ein englisch- deutsches Bündnis im Dreibund wäre deshalb alles andere als widernatürlich.
 Hauptargument ist aber wohl auch die enge militärische Zusammenarbeit während des Boxeraufstandes. Da könnte es deshalb schon mal die eine oder andere Anfrage gegeben haben. Schon aus verwandtschaftlicher Sicht hätte es Wilhelm nicht schwer fallen dürfen, dem zuzustimmen. Die englisch- deutsche Flottenrivalität wäre damit auch beendet gewesen, die Geschichte hätte einen völlig anderen Verlauf genommen.

oklaf


11.2.2006 16:07:39
Direktverweis
Leider gab es zu der Zeit im DR eine ziemliche Antipathie gegenüber England. Wilhelm II. hatte immer gehofft ein Bündnis mit England schließen zu können, Königin Victoria war ja seine Großmutter, aber selbst der Kaiser hätte sich nicht gegen die politische Stimmung stellen können!!!

The Real Blaze


11.2.2006 20:31:25
Direktverweis

Leider gab es zu der Zeit im DR eine ziemliche Antipathie gegenüber England. Wilhelm II. hatte immer gehofft ein Bündnis mit England schließen zu können, Königin Victoria war ja seine Großmutter, aber selbst der Kaiser hätte sich nicht gegen die politische Stimmung stellen können!!!

Das halte ich nicht für maßgeblich. Wenn Wilhelm II. in England war und das war er ziemlich oft, nimmt doch die Öffentlichkeit wahr, daß die Beziehungen zu England bestens waren. Natürlich gab es Rivalität und Konkurrenzkampf, aber besonders um die Jahrhundertwende setze man sich wegen Streitigkeiten lieber an den Verhandlungstisch. Und auch in den Kolonien half man sich gegenseitig wenn aufständige Eingeborene grenzübergreifend operierten.

Es hätte auf der Welt jeder verstanden, daß wegen des verwandtschaftlichen Verhältnisses man ein englisch- deutsches Bündnis schließ kann. Schließlich schlugen sich Engländer und Franzosen am meisten um ihren Kolonialbesitz in der Geschichte. Im Prinzip ist das englisch- französische Bündnis widernatürlich, als es ein englisch- deutsches gewesen wäre. Die deutsche kontinentale Militärkraft hätte mit englischer Hilfe einen großen Krieg zu verhindern gewußt.

Auch in dem Die Welt Artikel , über die vergessenen Blütejahre der Kaiserzeit, wurde das exellente enge englisch deutsche Wirtschaftsverhältnis hervorgehoben, wo beide enorm profitierten.

oklaf


13.2.2006 19:53:38
Direktverweis
Leider Gottes ist die innenpolitische Stimmung nun mal maßgeblich! Und nach der Daily-Telegraph-Affäre 1904 und den beiden Marokko-Krisen 1906 und 1911 war das Tischtuch eh zerschnitten, so fern es ein solches zwischen England und dem DR je gegeben haben sollte. Wie wichtig die innenpolitische Stimmung sein kann zeigte dann auch der Annäherungsversuch von Björko 1905 zwischen Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. Auch hier konnte eine Annäherung besonders auf Grund der innerrussischen Ablehnung nicht gelingen...

The Real Blaze


13.2.2006 20:16:01
Direktverweis
Moment jetzt vergallopierst du dich: Die Bündnisanfrage soll zwischen 1899 und 1901 erfolgt sein und nicht Jahre später, wo diese "Kuschelzeiten" sowieso vorbei waren. Informier dich doch mal, wie die Engländer 1914 in den Krieg einstiegen, da gab es genug Gegner, die trotz Bündnis mit Frankreich lieber neutral bleiben wollten, da spielten die ausgezeichneten Wirtschaftsbeziehungen eine große Rolle.

The Real Blaze


14.2.2006 18:36:40
Direktverweis
Und auch nach 1901 arbeitete das Deutsche Reich militärisch  mit England zusammen:

14.2.1903 Die Marineeinheiten des Deutschen Reiches, Großbritanniens und Italiens heben die seit Dezember bestehende Seeblockade vor Venezuelas Küste auf und beenden damit die Krise.

Da kann man durchaus feststellen, daß ein englischer Beitritt zum Dreibund zu dieser Zeit sehr wohl möglich war. Was eben noch fehlt, wäre ein Beweis, daß das "Berliner Tageblatt" Recht hatte.

Richtschuetze


15.2.2006 06:38:00
Direktverweis
Was eben noch fehlt, wäre ein Beweis, daß das "Berliner Tageblatt" Recht hatte.

Also Blaze ich denke ein Pak zwischen England und dem Deutschen Reich halte ich für mehr als unwahrscheinlich.
Der Neid der Engländer gegenüber dem Reich war viel zu groß!Jetzt wo man ein geeintes Reich in Europa gebildet hatte(mit engem Beistand Österreichs)war England seine Vormachtstellung in Europa los und die in der Welt mehr als gefährdet!

Gruss

steffen04


15.2.2006 11:36:52
Direktverweis
Es gab Bündnisverhandlungen 1901. Die Argumente für ein deutsch-britisches Bündnis hat Blaze bereits aufgezeigt. Für beide Länder waren die möglichen Streitpunkte mit Frankreich  und Russland wichtiger als die untereinander, ein Bündnis daher denkbar und wünschenswert.

Der erste Vorschlag von deutscher Seite war ein pragmatisches Defensivbündnis: bei Krieg des Bündnispartners mit einem Gegner bleibt der Partner wohlwollend neutral. Bei Krieg mit zwei oder mehr Gegnern greift er ein. Das Konstrukt hatte den Charme, dass z.B. ein deutsch-französischer Krieg um das Elsass oder eine britisch-russische Auseinandersetzung um Afghanistan den Bündnispartner nicht zwangsläufig in einen Krieg getrieben hätte.

Noch während der Verhandlungen erweiterte Deutschland den Vorschlag: Großbritannien solle doch dem Dreibund beitreten. Dieser Vorschlag wurde sofort und entschieden abgelehnt. Die Beweggründe waren schwerwiegend: England wollte auf keinen Fall in deutsch-französische Händel um Elsass-Lothringen verwickelt werden. Außerdem traute man der schwankenden KuK-Monarchie nicht über den Weg, hier sah man ein hohes Risiko eines Konfliktes mit Russland wegen irgendwelcher osteuropäischer Petitessen.

In der Ablehnung des Dreibund-Vorschlags vergriff sich GB aber im Ton. Die Ablehnung war so schroff, dass  alle anderen Bündnisoptionen erst mal ebenfalls versperrt waren.

Hinzu kamen massive Verstimmungen innerhalb des deutschen Heeres über Gleichsetzungen des britischen Vorgehens in Südafrika gegen die Buren mit dem Kampf der Preussen gg. französische Franctireur im 70/71er Krieg. Kolonialminister Chamberlain und Reichskanzler Bülow bekamen sich darüber persönlich so in die Wolle, dass ein vernünftiges Miteinander kaum mehr möglich war.

Zurück zur Eingangsfrage: Ja, GB wollte ein Bündnis – Nein, nicht als Mitglied des Dreibund

The Real Blaze


15.2.2006 20:46:36
Direktverweis
Ich meine es war nicht so ein Konflikt um Elsaß-Lothringen, den es gab ein großes französisches Votum in der Vorkriegszeit nicht mehr an den Grenzen zu rütteln, man begriff Elsaß -Lothringen als deutsches Land. Der Kreis der französischen Revanchisten war klein und rekrutierte sich aus alten Militärs(Foch) und ein paar  Politikern mit Verbindungen zur Rüstungsindustrie. Besonders die französischen Sozialisten(sehr dominant) wollten wegen Elsaß Lothringen niemals mehr einen Krieg führen.

England suchte eben nach Sicherheitsalternativen nach der Faschodakrise 1898, wo mehrere Monate lang ein englisch-französischer Kolonialkrieg kurz vor dem Ausbruch war. Ein falscher Befehl und im Sudan hätten Franzosen und Engländer gegeneinander gekämpft!
Dann kam der Boxeraufstand und die Venezuelakrise ,wo England mit Deutschland militärisch zusammen arbeitete.(Italien vom Dreibund war da auch mit von der Partie!)Während dieser Zeit arbeitete die deutsche Diplomatie mit Hochdruck an einem deutsch- englischen Bündnis. Paul Graf von Hatzfeldt, der deutsche Botschafter in London war wohl der wichtigste Mann dabei.

Wenn man resümiert, verstehe ich nicht warum man nicht wenigstens dieses erste Defensivbündnis abgeschloßen hat. Es bot für alle nur Vorteile und hätte genauso für Entspannung in Europa gesorgt.  In der Folge nach einem englisch- deutschen Defensiv Bündnis wäre es jedenfalls kaum zur  "Entente cordiale"gekommen und wenn doch hätte dieses Bündnis keinen feindlichen Charakter zum Dreibund gehabt. ich denke aber das ein englisch deutsches Bündnis, Frankreich und Rußland wohl nicht zusammengebracht hätte, weil beide in einem Konfrontationsbündnis zum Dreibund-plus England nur die Kriegsgefahr gesteigert hätten.

Falls sie aber doch über Serbien gezündelt hätten( es muß ja nicht Sarajewo sein...) wäre dieser Krieg wohl ziemlich kurz gewesen. England war schließlich auch mit Japan verbündet, da war es durchaus möglich, daß die Japaner statt Tsingtau, sich was von den Russen geholt hätten. Keinerlei Kolonie wäre verloren gegangen, weil sie mit englischer Hilfe entweder gehalten und bei einem französischen Zusammenbruch so oder so erhalten geblieben wären. Und ohne Hilfe war Frankreich ohnehin klar dem DR unterlegen gewesen. Kluge französische Köpfe hätten sich deshalb mit Kriegsgeschrei zurückgehalten, weil man sehr viel verloren hätte. Ein englisch- deutsches Bündnis hätte auch die USA von Europa ferngehalten, hätte die hochgepuschte Flottenrivalität verhindert und im Kriegsfall den U-Bootkrieg verhindert. Statt Nordsseeblockade hätten die Engländer wie zu Napoleons Zeiten die französischen Häfen blockiert.

Im großen und ganzen ist das eben sehr bedauerlich, daß diese Verhandlungen nicht zum Abschluß kamen, obwohl der Wille dazu vorhanden war. naund hätten wir halt noch die Monarchie( in welcher Form auch immer), aber dafür hätte es das die Weltkriege verhindert und die Geschichte wäre viel friedlicher verlaufen. Und heute hätten wir sicherlich auch keine 5 Mio Arbeitslose(1926 waren es nur halb soviele!). Wer keine Arbeit im DR  gefunden hätte , wäre halt in irgendeine deutsche Kolonie gezogen.


steffen04


16.2.2006 14:44:34
Direktverweis
England sah die Möglichkeit eines Konflikts um E-L, aber das war nur ein Grund, einen Beitritt in den Dreibund abzulehnen (s.o.). Spielt auch keine große Rolle, das andere vorgeschlagene Bündnis war ja mindestens so attraktiv.

Es scheinen zu diesem Zeitpunkt wirklich vor allem irrationale Gründe gewesen zu sein, die eine deutsch-britische Annäherung verhinderten - die Briten konnten die Preussen einfach nicht ab. Ich glaube, daß ein Bündnis die Kriegsgefahr deutlich verringert hätte - gegen die größte Marine der Welt und das beste Heer Europas wäre kaum jemand wg. Serbien angetreten.

Gandhi, Homo Kenyatta, Sukarno, Ho Tschi Minh, Mandela u.a. wären aber auch ohne die Weltkriege geboren worden, Kolonien als ABMs fielen also trotzdem aus. Vielleicht gäbe es aber Ein-EURO-Jobber in Livree.

The Real Blaze


16.2.2006 19:29:31
Direktverweis

Es scheinen zu diesem Zeitpunkt wirklich vor allem irrationale Gründe gewesen zu sein
Das heißt also persönliche Abneigung verhandlungsführender Persönlichkeiten. Das "preußische" wahrscheinlich nicht so, immerhin hat England den Preußen sehr viel zu verdanken und das wußte man auch dort.


Gandhi, Homo Kenyatta, Sukarno, Ho Tschi Minh, Mandela u.a. wären aber auch ohne die Weltkriege geboren worden, Kolonien als ABMs fielen also trotzdem aus.


Spielt keine Rolle ob sie geboren worden wären, weil sie in ein anderes Weltszenario hineingeboren worden wären. Heißt vorallem der Kommunismus hätte keinerlei große Rolle gespielt und die Welt wäre einiger gewesen, ohne kommunistische Ideologie. Die Schwäche des Empire resultierte ja aus den kräftezehrenden WK und deshalb wackelte auch Indien. Indien wäre natürlich selbstständig geworden, aber ohne WKs sehr viel später.
Deutsche Kolonien(so wie auch die anderen Eurokolonien) wären eben nicht ,als Begleiterscheinung des Kalten Krieges unabhängig geworden(ob sie nun staatsfähig waren oder nicht). Schon der ungebremste sich ständig steigernde Siedlerstrom aus Europa hätte in Afrika ohne WKs ganz andere Strukturen geschaffen. Niemand wäre dort auf die Idee gekommen, sich für unabhängig zu erklären, weil man sich als Teil eines Landes betrachtete. Der geplanten kommunalen Selbstverwaltung, wäre die regionale gefolgt. Mehr aber wäre nicht daraus geworden. Besonders das dünnbesiedelte Deutsch Südwest hatte mit seinem Europäererträglichen Klima, die allergrößten Chancen gehabt auch heute noch deutsch zu sein, weil von der Einwanderstatistik her wohl irgendwann mehr Deutsche wie Eingeborene dort gewohnt hätten.

steffen04


17.2.2006 10:02:01
Direktverweis
Das heißt also persönliche Abneigung verhandlungsführender Persönlichkeiten. Das "preußische" wahrscheinlich nicht so, immerhin hat England den Preußen sehr viel zu verdanken und das wußte man auch dort.

Meinst du Blücher? Glaube nicht, daß die Dankbarkeit so lange gehalten hat. Es war schon eine Abneigung gegen den preussischen Lebensstil an sich. Die sich aus dem Junkerstand rekrutierende preussische Oberschicht wurde mit dem eigenen Landadel gleichgesetzt: engstirnig, ungehobelt, unkultiviert, nur an Pferden und Jagden interessiert. Allerdings pflegten (und pflegen) die Briten ihre Voruteile auch gegenüber den anderen Völkern dieser Erde mit Inbrunst. 1901 wurde m.E. eine große Chance bemerkenswert unprofessionell (aus diplomatischer Sicht) vergeben. Die Hauptverantwortung tragen wohl eher die Briten. Mit ihrer jahrhundertealten Erfahrung hätten sie wissen müssen, daß man Verbündete nicht lieben muss. Pech für Preussen war, daß den Briten noch andere Bündnisoptionen offenstanden.

Zur Entkolonialisierung ein paar Zahlen:

Weltbevölkerung 1900: 1,6 MRD, davon Europa 0,4 MRD (ca. 25%)
                            2000: 6 MRD, davon Europa immer noch ca. 0,4 MRD (ca. 6,7%)

Ohne Weltkriege wären wir vielleicht 100Mio mehr, die Prozente kannst du dir ausrechnen.

Die Annahme, daß die europäisch-westliche Welt ohne Kommunismus einiger gewesen wäre und mit einer Knute die Kolonialvölker unten gehalten hätte, ist m.E. übertrieben optimistisch, zumindest nicht aus der Historie abzuleiten.

oklaf


17.2.2006 12:31:07
Direktverweis
The Real Blaze schrieb:

Es scheinen zu diesem Zeitpunkt wirklich vor allem irrationale Gründe gewesen zu sein
Das heißt also persönliche Abneigung verhandlungsführender Persönlichkeiten. Das "preußische" wahrscheinlich nicht so, immerhin hat England den Preußen sehr viel zu verdanken und das wußte man auch dort.


Gandhi, Homo Kenyatta, Sukarno, Ho Tschi Minh, Mandela u.a. wären aber auch ohne die Weltkriege geboren worden, Kolonien als ABMs fielen also trotzdem aus.


Spielt keine Rolle ob sie geboren worden wären, weil sie in ein anderes Weltszenario hineingeboren worden wären. Heißt vorallem der Kommunismus hätte keinerlei große Rolle gespielt und die Welt wäre einiger gewesen, ohne kommunistische Ideologie. Die Schwäche des Empire resultierte ja aus den kräftezehrenden WK und deshalb wackelte auch Indien. Indien wäre natürlich selbstständig geworden, aber ohne WKs sehr viel später.
Deutsche Kolonien(so wie auch die anderen Eurokolonien) wären eben nicht ,als Begleiterscheinung des Kalten Krieges unabhängig geworden(ob sie nun staatsfähig waren oder nicht). Schon der ungebremste sich ständig steigernde Siedlerstrom aus Europa hätte in Afrika ohne WKs ganz andere Strukturen geschaffen. Niemand wäre dort auf die Idee gekommen, sich für unabhängig zu erklären, weil man sich als Teil eines Landes betrachtete. Der geplanten kommunalen Selbstverwaltung, wäre die regionale gefolgt. Mehr aber wäre nicht daraus geworden. Besonders das dünnbesiedelte Deutsch Südwest hatte mit seinem Europäererträglichen Klima, die allergrößten Chancen gehabt auch heute noch deutsch zu sein, weil von der Einwanderstatistik her wohl irgendwann mehr Deutsche wie Eingeborene dort gewohnt hätten.

Ist schon beachtlich wie man sich den Wunschverlauf der Geschichte zusammenträumen kann...

waldi44


17.2.2006 13:18:29
Direktverweis
Zitat:
" Niemand wäre dort auf die Idee gekommen, sich für unabhängig zu erklären, weil man sich als Teil eines Landes betrachtete. "
So? Wäre man nicht? Algerien galt lange Zeit als fester Bestand Frankreichs und selbst auf Korsika will man noch heute weg vom Mutterland. In Spanien lebt der Seperatismus und anderswo in Europa und der Welt ebenfalls und da sollten ausgerechnet in Afrika und natürlich vornehmlich in den deutschen Kolonien andere Kriterien gelten?
Siedlerstrom? Von welchem "Siedlerstrom" träumst Du Real? Ähnlich wie dem nach Australien??

Sicher gab es bis zum Kriegsbeginn einen gewissen "Aufwärtstrend", daraus aber dann das Entstehen blühender, womöglich multikultureller (?) Landschaften zu konstruieren, halte ich zumindest für sehr zweckoptimistisch!

The Real Blaze


17.2.2006 20:12:46
Direktverweis

Von welchem "Siedlerstrom" träumst Du Real
@Waldi
Das ist kein Traum. Mach dich doch einfach mal schlau, wie der Siedlerstrom in die Kolonien anstieg.  Allein in der Musterkolonie Togo wurden vom Gouvaneur Ansiedlungen für 100000 Deutsche geplant. Und das war eine kleine Kolonie, woanders gingen die Zahlen auch überall nach oben, weil enorm viel Geld für die Infrastruktur reingepumpt wurde. Allein an den statistischen Zahlenwerten kannst du errechnen, was über die Jahre in die afrikanischen Kolonien eingewandert wäre. Diamantenfunde multiplizierten das ganze noch.

 

Ist schon beachtlich wie man sich den Wunschverlauf der Geschichte zusammenträumen kann
@oklaf: meinst du nicht auch, daß dein Beitrag soeben unbrauchbarer Spammüll war? 

steffen04


17.2.2006 20:41:55
Direktverweis
@blaze

ich weiss, daß du in Kolonialgeschichte recht beschlagen bist und ich habe hier kein entsprechendes Material. Vielleicht kannst du (oder sonst jemand) mal zwei Zahlen recherchieren: wieviele Deutsche sind zwischen 1871 und 1914 in die Kolonien und wieviele in die USA ausgewandert?

Im folgenden Link http://www.dhm.de/ausstellungen/bildzeug/22.html wird eine Zahl von 3Mio genannt, wieviel davon sind in die Kolonien gewandert? Wenn 100.000 für Togo geplant waren, wird die tatsächliche Zahl wohl weit darunter gelegen haben.

The Real Blaze


17.2.2006 20:53:02
Direktverweis
Nun das kann jeder zusammenzählen, der die Daten der deutschen Kolonien lesen will:

http://www.deutsche-schutzgebiete.de/deutsche-kolonien.htm
Habe aber bereits vor kurzen eine wichtige Info gelesen.
Die deutsche Auswanderung war ab 1911 rückläufig. 

steffen04


17.2.2006 21:02:28
Direktverweis
Danke für die schnelle Antwort, ich komme da auf keine 10.000. Scheinen nicht sehr attraktiv gewesen zu sein, die Kolonien.

The Real Blaze


17.2.2006 21:17:54
Direktverweis

Scheinen nicht sehr attraktiv gewesen zu sein, die Kolonien

Von der Summe her kann man diesen Eindruck bekommen, aber nicht von der Entwicklung. Diesen Unterschied muß unbedingt Rechnung tragen und auch die relativ kurze koloniale Zeit Deutschlands. Neben Diamantenfunden kurz vor Kriegsausbruch, wo es plötzlich einen riesengroßen Anreiz für Deutsch Südwest gab , wurden in Deutschland bereits die Grundlagen geschaffen, daß auch die tropischen Kolonien für Europäer erträglicher wurden, weil man spezielle Arzneien bei Bayer dafür erfand( wurde auch in der ZDF Doku erwähnt über die Kolonien)

steffen04


15.3.2006 13:48:16
Direktverweis
Nach Lektüre der „Schalen des Zorns“ folgende Erkenntnisse: Um die Jahrhundertwende gab es drei von England gestartete Versuche, dass Verhältnis Deutschland-Großbritannien vertraglich zu regeln.

Großbritannien ist in seiner Vergangenheit in Friedenszeiten nie Bündnisverpflichtungen eingegangen („splendid isolation). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden aber Stimmen laut, dass im immer enger werdenden Geflecht wechselseitiger internationaler Vereinbarungen, Großbritannien im Kriegsfalle keine Bündnisoptionen mehr offen stünden und es daher sinnvoll wäre, die „splendid isolation“ aufzugeben.

Die Suche nach einem Partner gestaltete sich schwierig: Russland expandierte im Fernen und Mittleren Osten in Richtung britischer Einflusssphären, mit Frankreich gab es Reibereien in Afrika (die Faschoda-Krise führte bis kurz vor den offenen Krieg), Italien war schwach, Österreich-Ungarn immer in Gefahr eines Krieges an seinen Ostgrenzen.

Demgegenüber war das Verhältnis zu Deutschland weitgehend problemlos. GB unterstützte die deutsche Kolonialpolitik (die unter Bismarck ja nie sehr ehrgeizig war), das DR hatte GB in Ägypten unterstützt, wirtschaftlich arbeitete man eng zusammen, militärisch würden sich britische Seemacht und deutsches Heer sehr gut ergänzen.

Joseph Chamberlain, einflussreicher Kolonialminister der Regierung Salisbury sah in Russland wegen dessen Vordrängen in China und gegen Afghanistan den Hauptgegner und Deutschland als einzigen möglichen Verbündeten. 1898 fühlte er ein erstes Mal beim deutschen Botschafter Hatzfeld vor. Der Zeitpunkt war allerdings unglücklich gewählt: Im Deutschen Reichstag wurde Tirpitz´ erstes Flottengesetz eingebracht, Großbritannien musste als Drohkulisse herhalten.

Ein Jahr sprach Chamberlain anlässlich eines Staatsbesuchs des Kaisers in GB mit Reichskanzler Bülow und erneuerte seinen Wunsch nach Bündnisverhandlungen. Bülow signalisierte Interesse, hielt aber im Reichstag anlässlich des zweiten Flottengesetzes wieder eine englandkritische Rede.

Im Frühjahr 1901 kam es zum drittenmal zu Bündnisgesprächen mit Bülows Vorschlag eines deutsch-britischen Defensivbündnisses und der späteren Weiterung zum Beitritt zum Dreibund (s.o. Posting) mit der strikten Ablehnung durch Lord Salisbury.

Die späteren Ereignisse (Burenkrieg, Marokkokrise) erschwerten weitere Gespräche, die überraschende britisch-französische Annäherung bedeutete ihr Aus.


Andi


15.3.2006 17:44:12
Direktverweis
Der Grund weshalb Bismarck die Kolonisationsbestrebungen einiger Firmenbesitzer und anderer Finanzjongleure widerstrebten war der, dass Bismarck einfach die anderen Großmächte Europas nach der Reichsgründung einfach davon überzeugen wollte, dass Deutschland, dass ja nun geeint war, saturiert ist. D.h. es möchte sich nicht weiter ausbreiten und den anderen Kolonialmächten, v.a. Frankreich und Großbritannien nicht den Rang ablaufen.
Gruss,

Andreas
zurück zur Forenübersicht