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Systemkrise

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AutorBeitrag

Balsi


23.4.2009 18:26:56
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1971 gab Ulbricht die Macht an Honecker ab. Zunächst hoffte man auf Reformen und eine gewisse Entspannung. Letztlich stellte sich jedoch eine Verschärfung ein. Es entstanden oppositionelle Gruppen. Die Frage ist nun ist der Grund der Gründung dieser Gruppen eine Systemkrise der DDR, oder eher eine Folge der sozialen Verhältnisse?

steffen04


23.4.2009 18:41:35
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Verschlechterung sozialer Verhältnisse - Systemkrise: ist das nicht dasselbe?

Ziel des Systems DDR war es, die sozialen Verhältnisse der Werktätigen zu verbessern.  Das funktionierte nicht, da Planwirtschaften, wie wir heute wissen, aus systemimmanenten Gründen (selbstverstärkende Prozesse) nicht funktionieren können.

Ergo haben sich die sozialen Verhältnisse verschlechtert, weil sich das System in der unausweichlichen Krise befand.



waldi44


23.4.2009 19:04:56
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Setzt man System mit Sozialismus gleich, so kommt man zu dem Schluss, dass es eine Systemkriese war. Der Sozialismus konnte nicht funktionieren. Es gab nicht die Führer dafür und nicht das Volk dazu oder den Menschen neuen Typus. Der musste erst neu gechaffen werden und wie wir heute wissen, ist das nicht gelungen. Den Nazis im Dritten Reich gelang das in viel kürzerer Zeit, aber auch mit viel drastischeren Mitteln. Es gab sicher mehr überzeugte Nazis in Deutschland, als Kommunisten in der DDR.
Allerdings weiss man nicht, wie diese "Umgestaltung" auf Dauer gewirkt hätte, denn in den Jahren vor dem krieg konnten die Nazis den Menschen mehr Erfolgserg(l)ebnisse, persönlicher und politischer Art bieten als es die Kommunisten in den ihnen vergönnten 40 Jahren schafften. Beide errangen ihre "Erfolge" auf Pump und irgendwo immer auf Kosten ihreres eigenen Volkes.
"Wie? Dieser Betrieb produziert mit nur 10% Ausschus? Reicht denn das zur Versorgung unserer Bevölkerung?"

Balsi


23.4.2009 21:21:36
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Worin bestand nun aber die Krise? Eine Krise bietet ja immer noch die Möglichkeit etwas zu ändern.
Die Krise setzte quasi ja ein mit der Ernennung Gorbatschows... ab jetzt waren die Ziele zwischen DDR-Führung der KPdSU nicht mehr einvernehmlich und die DDR befand sich nun auf einem eigenen Weg, alleingelassen vom grossen Bruder.

Als weitere Punkte habe ich als Vorläufer der Krise die fehlende Auseinandersetzung mit dem Stalinismus gesehen, quasi als Äquvalent zur mangelnden Auseinadersetzung mit der NS-Vergangenheit im Westen (siehe 68èr)

Nomen Nescio


23.4.2009 21:40:45
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Balsi schrieb:
Eine Krise bietet ja immer noch die Möglichkeit etwas zu ändern.
Muß aber nicht: oder mit (noch) mehr Gewalt versuchen alles zu unterdrücken und einzudämmen.

Balsi


23.4.2009 21:55:18
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naja... eine Krise ist kein Ende... wie man die Krise übergeht, ist ja eine andere Frage. Eine Krise bietet doch immer eine Möglichkeit...

Brandenburger


18.7.2009 18:47:09
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Ich würde meinen, daß die Bildung solcher Gruppen erst durch die Liberalisierung des DDR Systems unter Honnecker möglich wurde.
Denn in einer Krise war die DDR von Anfang an.

Balsi


19.7.2009 07:59:32
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mit Gruppen gewisse Hoffnungen verbunden..eben auf diese Lockerung. Alleridngs wurden sie arg enttäuscht, denn Honnecker war fast schon rigoroser als der Mächtige vor ihm. Mittlerweile geht man sogar schon weiter. Ich habe in der Fachliteratur mehrfach Hinweise darauf gefunden, daß Ulbricht nicht dieser scharfe Hund gewesen sein soll, für den er immer gehalten wird. Vielmehr war es das Politbüro hinter ihm, das ihn hat scharf wirken lassen.

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19.7.2009 10:25:37
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Ersteinmal muß man einfach mal feststellen, das es keine soziale Krise gab, denn in privater sozialer Sicht ging es dem DDR Bürger nie besser als unter Honecker. Das auftauchen oppositioneller Gruppen ist nicht so sporadisch wie es scheint. Oppositionelle Gruppen gab es immer schon in der DDR, bis 1961 konnten sie dem Zugriff der Stasi überwinden indem sie schnell die Grenzen wechselten , wenn sie konnten. Ab 1961 wurde dann versucht radikal in die Bevölkerung zu wirken um Opposition gar nicht erst aufkommen zu lassen, aber schon 1968 (Prager Frühling) gab es die ersten Initialzündungen von Widerstand und Opposition wenn auch nur im Kleinen. Wenig später nur mit Machtübernahme Honeckers und einen "vermeintlichen" Frühling wurde daraus konstruktive  Opposition (Initiative f. Frieden und Menschenrechte etc.) unter dem Dach der Kirche , die sich dann Mitte '70iger ausweitete, Umweltgruppen, Ausreisergruppen etc. . Kulminationspunkt war die Ausbürgerung Biermanns , da war auch für jeden DDR Bürger im entferntesten Winkel Opposition in der DDR spürbar, weil real vorhanden und nicht nur in Zirkeln oder Hinterzimmer. Das so gennnte Proletariat hatte sich schon längst mit dem System arrangiert, es war die "Intelligenz" die massive Opposition betrieb, sie wollte mehr als nur das dumpfe Abnicken von scheinheiligen Parolen, sie wollte  an das Wissen der Welt teilhaben und nicht vorgeschrieben bekommen wie man zu leben, lesen und zu lernen hat.  Dann  lief dann Anfang der '80iger die Stasi auf Hochtouren und es kam zu den Ergebnissen die bekannt sind! 
Fazit: Es gab keine Systemkrise die Grund war zur Gründung oppositioneller Gruppen, jedenfalls hat keine von den Gruppen dies damals so gesehen eher das Gegenteil . Auch eine soziale Änderung der Verhältnisse (wenn überhaupt spürbar) war nicht Grund der Etablierung, warum auch die meisten Oppositionellen waren sowieso sozial ausgegrenzt, sondern es war ein Ausbrechen aus intellektueller Dumpfheit, ein Versuch die Gesellschaft zu einen wirklichen (menschlichen) Sozialismus zu bewegen und ein Aufbegehren gegen die augenscheinlich vorhandenen Menschenrechtsverletzungen in der DDR (später kam noch Umwelt dazu). Es war ein wirklicher "Aufstand" der Anständigen in Deutschland, mit persönlichen Konsequenzen bis heute!
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