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Jüdischer Widerstand

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AutorBeitrag

waldi44


8.11.2007 16:25:56
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Ich habe jetzt gut eine halbe Stunde hin und her überlegt, wohin ich den Beitrag schreiben sollte. Ich versuche es mal hier !
Kennt jemand das Buch "Nakam" und hat es auch gelesen? Untertitel: Jüdische Rache an NS Tätern.
Zwei Dinge werden in diesem Buch beschrieben/behauptet: 1. Es gab einen jüdischen Widerstand wärend des 3. Reiches und 2. Es gab ettliche Racheaktionen und noch viel mehr Rachepläne gegenüber den Deutschen. Nebenbei wird noch der Weg der Nazis aus Deutschland ins sichere Ausland beschrieben. In jedem Fall hoch interessant- bin aber noch nicht ganz durch damit.

Nun aber die Frage zum Widerstand wärend des 3. Reiches. Nach dem Lesen von "Hitlers willige Vollstrecker" und "Ganz normale Männer" bin ich eher zu der Erkenntnis gelangt, dass es kaum einen organisierten Widerstand gegen Deportation und Ermordung der Juden seitens der Juden selbst gab. In letzter Zeit wird dies aber zunehmend bestritten und immer öfter von einem aktiven Kampf der Juden gesprochen.
Bekannt sind mir diesbezüglich lediglich der Aufstand des Warschauer Ghettos, Sommer 1942 und die Revolte und Massenflucht aus Sobibor* im Oktober 1943. Vielleicht muss in diesem Zusammenhang der Begriff "Widerstand" neu difiniert werden. Was ist Widerstand? Wann beginnt Widerstand? Ist blosses verstecken schon Widerstand oder die Flucht aus den Transportzügen oder Lagern?
In dem Buch wird von 15.000 bewaffneten jüdischen Partisanen gesprochen. Diese aber waren in grösseren Partisanengruppen nur wenige von vielen und die vielen waren Nichtjuden. Kann man von "jüdischem" Widerstand reden, weil ein paar Juden mit der Waffe in der Hand kämpften? Viele von ihnen waren ohnehin Soldaten, nämlich sowjetische, polnische Versprengte oder Kriegsgefangene (Sobibor)usw.

Warum die Juden sich kaum wehrten wird von Browning gut geschildert, als er das Schicksal der Hamburger Juden beschrieb: Sie reisten in Personenwagen mit schwacher Bewachung. Hatten Handgepäck dabei und an ihrem Zug waren zwei Güterwagen mit landwirtschaftlichem Gerät angekoppelt, die ihnen im "Osten" zu Landarbeit übergeben werden sollten! Nichts deutete darauf hin, dass ihre Fahrt in Auschwitz oder Theresienstadt endete!

Also ich kann die Frage nach dem jüdischen Widerstand nicht klären, weil ich kaum was dazu finde, was ich als Widerstand im Wortsinn gelten lasse. Aber auch hier lasse ich mich gerne belehren! Also: Wer hat was über jüdischen Widerstand.


*Wobei es sich in Sobibor mehrheitlich um sowjetische Kriegsgefangene jüdischer Herkunft handelte, in Warschau hingegen ausschliesslich um Ghettojuden.

Jüdischer Widerstand:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/2000/awider3.htm 

Erichx


28.1.2008 17:39:32
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Da sich bis jetzt keiner gemeldet hat. Nakam habe ich auch gelesen.
Kaufe dir das Buch "Zum Kampf auf Leben und Tod !". Da sind sehr viele Beispiele wie und wo die Juden gekämpft haben.

waldi44


29.1.2008 13:35:01
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Ja, solche Themen kommen eben weniger gut an , obwohl sie durchaus fester Bestandteil der Deutschen Geschichte sind und nicht erst seit dem 3. Reich.
Es gab ja auch eine richtige Kampftruppe, die "Jüdische Brigade". Dennoch finde ich, dass sich der Widerstand gegen ihr irgendwann ersichtliche Ermordung in äusserst engen Grenzen bewegte und wie ich oben schon fragte: Ab wann kann man von Widerstand reden? Ist blosses weglaufen oder konvertieren schon Widerstand?
Danke für den Buchtip. Schaun wir mal....

steffen04


30.1.2008 11:27:30
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Hier ein sehr ausführlicher Bericht über Wider- und Aufstand des Auschwitzer Sonderkommandos 1944.


http://www.shoa.de/content/view/235/234/


Auf der Homepage gibt´s noch eine Kategorie Widerstand, hab mir´s aber noch nicht angeschaut, hoffe, dir hilft´s.

Bin eigentlich auf der Suche nach Infos über Lagermannschaften in Dachau und Flossenbürg. Weiss jemand, ob es zur Schwarzen SS ähnliche Foren gibt, wie unseres hier? Oder eine gute Homepage?

Erichx


31.1.2008 15:31:44
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Die eigene Haut zu retten ist sicherlich noch kein Widerstand.
Ich habe noch ein Buch: "Kommando der Verfolgten" / Peter Masters.

waldi44


31.1.2008 23:05:05
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Vielleicht kann man in diesem Zusammenhang auch mal so etwas wie eine Gegenfrage stellen: Welchen Widerstand gab es deutscher seitens gegen die Judenverfolgung? Schliesslich gab es ja auch noch "Hitlers Jüdische Soldaten". Natürlich nichts mit Widerstand, oder jenes  Zitat: Wer Jude ist, bestimmen wir( oder ich?). Hat sicher auch nichts mit Widerstand zu tun.
Der versteckte Jude im Keller, der versteckte Kommunist auf dem Dachboden?
Nach machen heutigen Beiträgen (also aus heutiger Sicht mit heutigen Erkenntnissen) waren damals alle irgendwie im Widerstand und dagegen sowieso!

Erichx


1.2.2008 15:43:46
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Widerstand, also ich kann mich nur bruchstückhaft erinnern.
• Einzelfälle von "Juden im Keller"
• Schindler
• Frauen die gegen die Inhaftierung ihrer jüd. Männer protestiert haben. In welcher Stadt war das ?
• die eine Frau die die KZ-Häftlinge in Waggons mit Lebensmitteln versorgt hat. Wo war das denn ?
das war's.

karat


16.8.2008 22:01:12
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Hallo,Erichx
War in Berlin Rosenstr.http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust#J.C3.BCdischer_Widerstand
mfg karat

waldi44


16.8.2008 22:28:30
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Wobei man ja sagen muss, die von Erichx genannten Beispiele sind ja kein jüdischer Widerstand. Schindler und auch die Ehefrauen jüdischer Männer waren Deutsche. Sie widersetzten sich der nazistischen Judenpolitik. Die Frage zielte aber auf jüdische Aktivitäten in Bezug auf aktiven Widerstand.

steffen04


17.8.2008 16:25:30
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ist natürlich auch kein jüdischer Widerstand, aber in Ulm gab´s in den letzten Nazi-Tagen auch ein illegales Versorgen eines Häftlingstransports. Die Waggons standen tagelang auf dem Bahnhof, die Wachen hatten sich lang verkrümelt.

Wurde galub ich auch mal verfilmt

waldi44


19.9.2008 12:04:54
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Tja, da ist tatsächlich nur wenig zu finden und anscheinend tun sich jüdische Stellen auch schwer damit und klammern sich an "jeden Strohhalm" um jüdischen Widerstand zu dokumentiern. Aber schlussendlich finden sie auch nur vereinzelten Widerstand, der nach meiner Meinung aufgebauscht wird um ihn grösser erscheinen zu lassen....

Geschrieben von Gudrun Wilhelmy     
Und es gab ihn doch: Jüdischen Widerstand. Dies ist Thema der Ausstellung des B’nai B’rith – Söhne des Bundes - , der im Berliner Kronprinzenpalais
 
"....Widerstandsbewegungen, die nicht selten eine Beteiligung von Juden ablehnten oder gar die gleiche judenfeindliche Haltung einnahmen und Juden ermordeten, leisteten Juden überall Widerstand mittels Sabotageakten, Guerillataktik, Waffengewalt, als Teil der regulären Alliierten Armeen."

Aber sie wurden auch von allen im Stich gelassen:
"Und doch bleibt die Unterstützung aus. Die Gleise nach Auschwitz werden nicht bombardiert, obwohl dies möglich war, die Krematorien werden nicht vernichtet, obwohl dies möglich war, die aus Lagern und Ghettos geflohenen Juden werden nicht in bestehende Partisanengruppen aufgenommen, obwohl dies möglich war, sie wurden nicht versteckt, sie wurden nicht unterstützt, sie waren in der Regel aus sich selbst gestellt und in bestenfalls geduldet. "

http://www.shoa.de/content/view/382/255/

Nomen Nescio


6.1.2009 00:50:41
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Ich konnte es schwer glauben. Doch neige allmählich immer mehr dazu zu denken, das im Anfang des Krieges die meisten Deutschen tatsächlich nicht wissen konnten bzw. wußten, was da geschah.
Dagegen ist es schwer zu begreifen, daß man dieses Argument noch am Ende des Krieges benützte. Denn die Soldaten, die vom Ostfront kamen, hatte mit ihren eigenen Augen gesehen, was mit Juden passierte. Hatten sogar, wenn sie Pech hatten, daran Teil nehmen müßen.
Zwar wurden solche Mitteilungen nur flüsternd weitergegeben, denn "der Feind hörte mit".

Der Grund für meine Meinung war ein Besuch, daß ich um 1966 eine Deutsche Familie in Stuttgart brachte. Ich kam von Griechenland und fuhr mit dem Zug zurück nach Holland. Weil meine jüngere Schwester dort "au pair" war, beschloß ich also sie dort zu besuchen.

Als wir abends dort das Fernsehen anschauten (ein Film über Canaris), hörten wir Trompeten erschallen. Eine Stimme sagte so etwas wie "Das Oberkommando des Heeres macht bekannt...". Die Frau dort und ich begannen zu lachen.Es klang ja soo unglaublich pompös.
Darauf reagierte ihr Mann, und sagte "Ihr lacht. Aber damals glaubte man solche Sachen. Wenn man Tag ein, Tag aus, hört, das sein Land durch Feinde umgeben ist, dann glaubt man das schließlich.
Ich selbst war davon überzeugt, daß wir zu euch kamen, um die Niederlanden zu befreien. Erst als ich ein junges Mädchen sah, daß deutlich Hunger hatte, und ihr eine Scheibe Brot geben wollte, begann ich mich zu wundern, ob es wahr war. Denn sie schaute mich mit großen Augen an, spie auf dem Brot und rannte weg".
Er redete von Ende 1944, denn damals war er gerade Soldat geworden. Dieser Winter ist bei uns bekannt als "de Hongerwinter".

waldi44


12.2.2009 12:55:44
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Der Anteil der Juden am bewaffneten Kampf gegen den Faschismus und Nazismus in
Europa ist eines der wenig bekannten Kapitel der Geschichtsschreibung. Keine deutsche
Publikation beschäftigt sich mit diesem Thema. Die Unkenntnis über diese
Thematik verstärkt den Eindruck, dass die Juden nicht genügend gegen den Faschismus
gekämpft hätten.
Die nachstehenden Angaben, die das Gegenteil beweisen,
enthalten nur die Zahlen jüdischer Soldaten der regulären alliierten Armeen. Hinzugezählt
werden müssen die tausende jüdischer Partisanen und Widerstandskämpfer in
Ost- und Westeuropa: USA 550.000, UdSSR 500.000, England 62.000, Kanada
16.000, Südafrika 10.000, Juden aus Palästina 30.000, Frankreich 48.000, Polen
190.000, Griechenland 13.000, Jugoslawien 12.000, Tschechoslowakei 8.000, Belgien
7.000, Australien 3.000, insgesamt 1.406.000. In mehreren Ländern existieren
Verbände jüdischer Veteranen und Widerstandskämpfer, die ihre Waffenkameraden
von einst vereinigen, ihnen bei sozialen und gesundheitlichen Problemen helfen und
das Andenken an ihre Kämpfe gegen die Nazis und Faschisten wach halten.
....................
USA
Die meisten Juden dienten in der amerikanischen Armee, wo sie zu den höchsten
Rängen aufstiegen. Es waren 550.000 Soldaten, davon 36.000 Offiziere, und es gab
23 jüdische Generäle und Admiräle. Es wird geschätzt, dass 11.000 Juden fielen oder
als vermisst gemeldet wurden, 4,4 Prozent der Gesamtzahl der amerikanischen Verluste
im Zweiten Weltkrieg.
General Rose fiel als einer der wenigen hohen Offiziere beim Einmarsch in
Deutschland. Er wurde 1899 im Staat Connecticut geboren und war bereits mit 18
Jahren Leutnant. Als 32-jähriger Offizier war er Kommandant der Generalsstabsakademie.
1943 wurde er als General Befehlshaber der 3. Panzerdivision.
........................
Sowjetunion
Von den 500.000 jüdischen Soldaten der Roten Armee erhielten 169.772 Tapferkeitsauszeichnungen;
150 von ihnen, viele postum, den höchsten Orden »Held der
Sowjetunion«, wie U-Boot-Kapitän Israel Fissanowitsch. Die »Heldin« Nachtbomberpilotin
Paulina Gelman überlebte den Krieg, aber nicht Michail Otscheret, der mit
19 Jahren fiel. General Simon Kriwoschejn, der bereits in Spanien die Panzerwaffe
kommandierte, eroberte Berlin, wie auch die Brüder und Panzergenerale Matwej und
Jewsej Weinrub.
Die Generale Berezinski, Kreiser, Mechlis und 100 andere jüdische Generale haben
die Sowjetunion mit größtem Mut und Aufopferung verteidigt.
.................
Den größten Anteil der Juden gab es in der Litauischen Division der Roten Armee
mit 12.000 jüdischen Soldaten bei einem Mannschaftsbestand von 15.000. Die
meisten Soldaten sprachen Jiddisch,...
...............
Polen
Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel, lebten dort 3.351.000 Juden,
zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Über 150.000 jüdische Soldaten und Offiziere
nahmen am Septemberkrieg 1939 teil. Ihre Verlustquote war hoch, 35.000 Tote
und 61.000 Kriegsgefangene.
...........
Nur die Offiziere unter ihnen,
ungefähr 800 Personen, wurden geschont und in Offizierslagern in Deutschland
festgehalten. Etwa 20.000 jüdische Soldaten in Ostpolen kamen in sowjetische Gefangenschaft.
Über 8.000 jüdische Offiziere wurden, wie ihre christlichen Waffenkameraden,
in Katyn und in Starobielsk von den NKWD-Schergen ermordet;........

http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2005/gedenktag/lustiger_4.pdf

Vormeister


12.2.2009 13:51:28
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Auch ich kannte einen jüdischen Mitbürger, der aktiv gegen Nazi-Deutschland gekämpft hat.

Josef F. ist als Halbwüchsiger gemeinsam mit seiner Familie noch rechtzeitig nach England emigriert. Dort trat er später in die britische Armee ein und kämpfte in Nordafrika und Italien.

Nach dem Krieg , etwa 1950, kam er wieder nach Wien zurück, gemeinsam mit seiner Frau und zwei Töchtern. Er war etliche Jahre hindurch unser Hausnachbar, allerdings ist die ganze Familie später, Anfang der 60er-Jahre, wieder zurück nach England, bzw. eine seiner Töchter hat nach Israel geheiratet.

Erwähnenswert ist, daß sich Josef F. völlig ungezwungen mit meinem Vater (Ostfrontkämpfer) und anderen Nachbarn, welche natürlich alle im Krieg waren,  über ihre jeweiligen Kriegserlebnisse unterhalten konnten.

lg aus Wien

Vormeister

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