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Fliegertod auf Borkum

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waldi44


3.2.04 14:55:39
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Am 4. August 1944 war der Abschuß einer viermotorigen US - Maschine über der Insel Borkum durch die dortige Marine - Flak erfolgt. Der Flieger setzte zur Notlandung an und die siebenköpfige Bomberbesatzung begab sich in Kriegsgefangenschaft. Der Kommandant der Insel Borkum, Dr. Kurt Goebell, ordnete daraufhin an, die amerikanischen Gefangenen seien in den Fliegerhorst zu überführen. Angesichts der vorherrschenden Brennstoffknappheit, bedingt durch die Krisenlage des Deutschen Reiches (1944 !), glaubte der Inselkommandant einen Eisenbahntransport der Kriegsgefangenen volkswirtschaftlich nicht verantworten zu können und ordnete gegenüber dem Batterieführer Oberleutnant Jakob Valentin Seiler an, eine Marschkolonne zur Sicherstellung der amerikanischen Flieger zusammenzusetzen. Dieser Entscheid sollte nach Kriegsende sein Todesurteil bedeuten, da angeblich ein Fußmarsch von Kriegsgefangenen über eine Länge von fünf Kilometern mit der Genfer Konvention nicht zu vereinbaren seien. Seiler beauftragte als Transportführer seinen Untergebenen Oberfeldwebel Johann Schmitz und instruierte diesen kurz über die Marschroute vom nord-östlichem Ende der Insel Borkum in den Fliegerhorst. Johann Pointer war Spitzenmann der Kolonne, der Verantwortungsträger des Kriegsgefangenentrupps, Schmitz, marschierte am Ende und hatte die ordentliche Zugordnung zu wahren. Der langjährige Adjutant des Fregattenkapitäns Walter Krolikowski, Oberleutnant Erich Wentzel, begleitete den Zug - obwohl er bereits Dienstschluß hatte - noch eine Weile, da Transportführer Johann Schmitz später gegenüber Wentzel zugestanden hatte, daß er, Schmitz, erst seit kurzem auf Borkum stationiert sei, er aber sich geniert habe, seinem Vorgesetzten Seiler anzugeben, er sei noch nicht hinreichend ortskundig.
Nachdem Wentzel die kürzeste Route nach einmal minutiös dargelegt hatte, fuhr dieser mit seinem Dienstfahrrad heimwärts. Dort noch nicht angekommen, bemerkte der Adjutant große Unruhen in der Umgebung.
In böser Vorahnung kehrte Wentzel unmittelbar zum Gefangenentransport zurück und bemerkte, daß sich große Teile der Zivilbevölkerung Borkums am Straßenrand aufgestellt hatten, um die vorbeiziehenden amerikanischen Kriegsgefangenen zu beschimpfen, im vorbeigehen zu treten, zu bespeien u.ä.
Wentzel griff sofort ein und mußte entsetzt feststellen, daß auch einzelne Soldaten der Wachmannschaft des Transportes, sich an den Mißhandlungen beteiligten.
Wentzel trat an den, in dieser Situation vollkommen überforderten Transportführer Schmitz heran und instruierte diesen in einem deutlichen Ton, sofort Ordnung zu schaffen, das Marschtempo zu erhöhen, um aus der Menschenmenge heraus zu gelangen und endlich einen bereits gestürzten amerikanischen Flieger, dem ein Bürger ein Bein gestellt hatte und darauf unglücklich gestürzt war, angemessen medizinisch zu versorgen.
Daraufhin suchte er seinen Dienstvorgesetzten Krolikowski auf, um ihm Bericht über den peinlichen Vorfall zu erstatten. In der Zwischenzeit trug sich das eigentliche Unglück zu: Der Gefreite Langer erblickte spontan den Gefangenentransport, erkannte die amerikanischen Fliegeruniformen und erlag dabei einem Affekt. Seine gesamte Familie zählte während des anglo-amerikanischen Bombardements auf die Stadt Hamburg, die sogenannte Aktion "Gomorrha" zwischen dem 24.-30. Juli 1943, zu den insgesamt 30482 Opfern, welche die Stadt zu beklagen hatte.
Er verfolgte den Transport und, nachdem er eine gewisse nähere Entfernung erreicht hatte, feuerte der geübte Schütze seine Dienstpistole noch im Laufschritt ab und innerhalb nur weniger Sekunden waren alle sieben amerikanischen Kriegsgefangenen erschossen. Johann Schmitz, der bereits während des ersten, in seiner Bedeutung aber in keiner Form vergleichbaren Zwischenfalles mit den Zivilisten, die Nerven verloren hatte und minutenlang außerstande war, angemessen zu regieren, schien nun wie gelähmt. Langer suchte daraufhin das Dienstzimmer seines Vorgesetzten auf, schilderte den Vorfall wahrheitsgemäß, gab seine Dienstwaffe ab und äußerte dem Sinne nach, er sei sich voll und ganz bewußt, für diesen Übergriff zur Verantwortung zwangsläufig gezogen zu werden und erklärte, dennoch erkenne er jede Strafe, die ihn nun zu treffen habe, an, da nun endlich die getötete Familie gerächt sei! Langer wurde sofort arretiert und noch am gleichen Tage mehrmals scharf von der Borkumer Polizei verhört.
Schließlich traf auch Wentzel am Tatort ein - er war mit der Abfassung eines offiziellen Protokolls zu dem Ereignis beauftragt worden, um möglichst genaue Klarheit in diesem Zwischenfall zu schaffen und die Inselkommandantur von Borkum nicht mit höchsten militärischen Stellen des Deutschen Reiches in Konflikt zu setzen. Schmitz war noch immer nicht imstande, eine sachliche, zusammenhängende Stellungnahme zu dem Hergang abzugeben und stammelte nur bruchstückhaft etwas von "Erschlagen, erschlagen - Alle tot !". Wentzel konnte hinsichtlich seines Berichtes dem nur entnehmen, daß die Kriegsgefangenen erschlagen, nicht erschossen, worden seien und tatsächlich war den blutüberströmten Leichen nicht zweifelsfrei anzusehen, ob diese unter der Einwirkung von Schlägen oder Schußverletzungen erlegen waren.
Daraus resultierte der (auf einem Mißverständnis beruhende) verfälschte Tatbericht Oberleutnant Erich Wentzels.
Nach Kriegsende wurden alle, die peripher und unmittelbar an dem Gefangenentransport der sieben Flieger teilgenommen oder mitgewirkt hatten, auf Borkum von amerikanischen Militärpolizisten festgenommen und scharfen Verhören unterzogen. Das geplante Verfahren vor einem amerikanischem Militärgericht befand sich bereits in eiligen Vorbereitungen - eigentlich nur ein einzelner der vielen Fliegerprozesse, in einer Eigenschaft dennoch aus diesen hervorstechend - Waren die Prozesse immer nach bestimmten Typen von Angeklagten sortiert und getrennt, (s.o.) dann sollten hier in der Auswahl der insgesamt fünfzehn Beklagten, Beteiligte aller militärischen und zivilen Gruppen gemeinsam abgeurteilt werden. Der Inselkommandant Kurt Goebell war der Hauptangeklagte in Ludwigsburg. Zur Gruppe der "Offiziere" sind noch zu zählen: Korlikowski, Seiler, Wentzel und Weber.
Die Gruppe "Wachmannschaft" umfaßte naturgemäß an erster Stelle den Verantwortungsträger des Transportes, Johann Schmitz, dann den Spitzenmann Pointer, ferner die Soldaten Albrecht, Geyer und Witzke. Möchte man den Posten eines Bürgermeisters mit einem solchen eines parteilichen Gau - oder Kreisleiter gleichsetzen, dann füllte der Bürgermeister der Insel Borkum, Jan Varus Akkermann, diesen zivilen Verantwortungssektor innerhalb des Verhandlungskomplexes des Prozesses aus. Als weitere Zivilpersonen, welchen die direkte Mißhandlung ihrer gefangenen Soldaten vor dem amerikanischen Militärgericht angelastet wurde, zählten: Meyer-Gerhards, Rommel, Mamenga und Heinemann. Eine weitere Reihe von Personen waren in der Anklageschrift aufgeführt, gegen die in Abwesenheit verhandelt wurde. Unter anderem war darunter der Gefreite Langer, also der eigentlich alleinige Schuldige an der Tötung der Flieger, welcher aber 1945 gefallen war.
Der Prozeß wurde am 6. Februar 1946 eröffnet und endete nach sechs Wochen Verfahrensdauer am 23. März. Zwei Beschuldigungspunkte wurden verhandelt: Erster bezog sich auf die Tötung der sieben Kriegsgefangenen, der Zweite auf die vorangegangene Mißhandlung ("Angriffe"). Für einige der Beklagten lag der Fall zu Aspekt II vollkommen klar, denn verschiedene der beschuldigten Angehörigen der Wachmannschaft des Transportes und der schaulustigen Zivilisten hatten faktisch Beschimpfungen geäußert und getreten, waren auch in dieser Hinsicht durchaus geständig.

Daraus resultierte "Tod durch den Strang" für:
Inselkommandant Dr. Kurt Goebell,
Oberleutnant Jakob Valentin Seiler,
Oberleutnant Erich Wentzel,
den Transportführer Oberfeldwebel Johann Schmitz und schließlich den
Bürgermeister Jan Varus Akkermann, weil er angeblich die Menschenmenge "aufgereizt" habe, die Gefangenen zu mißhandeln.
Korvettenkapitän Walter Krolikowski erhielt eine lebenslängliche Haftstrafe,
Kapitänleutnant Karl Weber eine solche von 25,
Gustav Mamenga von 20,
Heinrich Heinemann von 18,
Soldat Heinz Witzke von 11,
Soldat Günther Albrecht von sechs,
Soldat Johann Pointer von fünf,
Soldat Karl Geyer von vier und der
Polizeimeister von Borkum Heinrich Rommel von zwei Jahren.

Axel43


3.2.04 17:11:41
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Ja, und wie war dann der Strafvollzug ? Das wäre doch hier das wirklich interessante !

Axel43


3.2.04 21:22:35
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Ich habe mir den Bericht noch einmal durchgelesen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Langer, der für alle sehr gelegen später gefallen ist - in einer Strafkompanie ?, schoß im Laufschritt, in starkem Affekt, mit seiner Dienst(?)pistole sieben sich vermutlich vorwärtsbewegende Flieger tot. Nur so. In einem Haufen anderer Menschen. Ohne umzuladen ? [8 Patronen im Magazin!] Auch wenn wir annehmen, daß er ein geübter Pistolenschütze war, und daß es sich dabei um eine Waffe im Kaliber 9 mm Para handelte, also das normalerweise gröbste deutsche Pistolenkaliber, so wäre das ein höchst überraschender Erfolg. Verwunden, ja, schon aber dann auch andere Leute, die mit dabei waren.
Es werden sich hier auch andere Leute die Hände blutig gemacht haben.

waldi44


4.2.04 16:43:09
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DAS ist Wahr Axel, das habe ich SO noch garnicht gesehen. Da muss ja JEDER Schuss ein Volltreffer gewesen sein!
Übrigens ist von "Fliegerprozessen" die Rede. Da wird es wohl noch ettliche andere "Unfälle" dieser oder ähnlicher Art gegeben haben.

Axel43


4.2.04 18:25:21
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Ja, es geschah wohl mehrmals, daß die verständlicherweise aufgebrachte Bevölkerung abgesprungene Besatzungsmitglieder gelyncht hat oder es wenigstens versucht hat.

Ronny22


28.2.04 21:17:22
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Ich hab zu diesem Vorfall einmal einen Bericht gesehen.
Demnach ging die Gruppe da schon wieder hintereinander in einer Reihe.

Langer lief hinter der Gruppe her und tötet jeden Amerikaner im vorbeilaufen von hinten...
Er muss sehr nah dran gewesen sein.

Und wenn er so dich an unbewaffnete Soldaten herankommt ohne das ihn jemand behindert, warum sollte er dabei nicht Kopfschüsse plazieren können???

Ich glaube der verwundete Amerikaner wurde von 2 anderen Amerikanern getragen.

Und das er nicht nachgeladen hat steht doch nirgends, oder?
Und in jeder Wehrmachts-Pistolentasche befindet sich noch 1 Reservemagazin...

waldi44


29.2.04 06:55:26
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DAS eigentliche Problem, so man das als Problem bezeichnen kann, ist, dass der Gefangenentransport bewacht war....
Sieben Schüsse, aus dem Lauf heraus, voll aufgeregt und alles Kopftreffer innerhalb von Sekunden, klingt dennoch recht abenteuerlich.
Dass die Sieben von Langer erschossen wurden mag ausser Frage stehen, aber so schnell, dass niemand reagieren konnte- wollte?

[ Editiert von Administrator waldi44 am 29.02.2004 6:59 ]

Axel43


29.2.04 22:35:44
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Es hieß "Im Laufschritt" und "innerhalb nur weniger Sekunden", außerdem noch im Affekt, und ganz abgesehen davon ist auch ein Kopfschuß nicht unbedingt tödlich.
Ich bin ein einigermaßen anständiger Pistolero, sowohl mit Spannabzug als auch mit Revolver, aber etwas ähnliches würde ich mir nicht zutrauen. Und dann noch in der Aufregung mit einem neuen Magazin herumfummeln, na...
Außerdem was ist dann eigentlicht mit dem Gefr. Langer geschehen, daß er so passenderweise gefallen ist? Wurde er also ohne weiteres weiter geführt ?

Ronny22


1.3.04 21:53:04
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Gepostet von waldi44
Sieben Schüsse, aus dem Lauf heraus, voll aufgeregt und alles Kopftreffer innerhalb von Sekunden, klingt dennoch recht abenteuerlich.
Dass die Sieben von Langer erschossen wurden mag ausser Frage stehen, aber so schnell, dass niemand reagieren konnte- wollte?


Ich denke auch nicht das er im laufen geschossen hat...aber wenn er nahe hinter den Soldaten läuft..ca. 1m, warum sollte er da nicht den Hinterkopf bzw. das Genick desjenigen treffen. Und eine 9mmm Parabelum aus der Distanz auf so eine lebenswichtige Stelle sollte mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich sein.
Ich denke auch das die Wachen mit der Situation überfordert waren und nicht eingriffen. Wenn der Transportführer keinen Befehl zum eingreifen gibt, werden die Soldaten einfach gezögert haben Langer auf zu halten...vielleicht auch gefürchtet haben das Langer dann um sich schiesst.

Gepostet von Axel43
...ganz abgesehen davon ist auch ein Kopfschuß nicht unbedingt tödlich.


Ich denke mit einer 9mm aus der Nähe und den damaligen medizinischen Möglichkeiten ist ein Kopfschuss zu 98% tödlich. Vielleicht waren die Männer nicht augenblicklich tot, aber nach wenigen Minuten dürfte das der Fall gewesen sein.
Sicher dachten auch alle Umstehenden das die Männer tot sind, was dann auch im Bericht ausgesagt wurde.

Gepostet von Axel43
Ich bin ein einigermaßen anständiger Pistolero, sowohl mit Spannabzug als auch mit Revolver, aber etwas ähnliches würde ich mir nicht zutrauen. Und dann noch in der Aufregung mit einem neuen Magazin herumfummeln, na...


Naja aber an einen Menschen 1-2m heranlaufen und einen Kopfschuss plazieren sollte als geübter Schütze drin sein.
Also ich konnte beim Bund auf 25m mit 6 Schuss: 2 Kopfschüsse 3 Treffer im Brustbereich und einen Halsstreifschuss anbringen. Mit einer P01 (Pistole 08) und das obwohl vorm Bund noch nie ne Pistole in der Hand hatte.



[ Editiert von Ronny22 am: 01.03.2004 23:40 ]

Axel43


2.3.04 17:03:00
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Auch wenn wir annehmen, daß es tatsächlich eine 9 mm Para und nicht etwas mickeriges war, so ist es immer noch sehr schwierig in Bewegung (sowohl Schütze als auch Ziel) das relativ kleine Ziel des Hinterkopfes/Genickes zu treffen, auch auf sehr kurzem Abstand, und ein Vollmantelgeschoß hat eine sehr viel geringere Tödlichkeit als hier angenommen wird. X Selbstmordversuche sind daran gescheitert. Und, wie gesagt, hier wurde im Affekt gehandelt, also nicht vor einer Zieltafel. Irgendetwas stimmt an der Geschichte nicht.
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