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Was geschah auf dem Minensuchboot M612?

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AutorBeitrag

waldi44


3.5.04 20:11:41
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Die Volksmsmarine der DDR benannte drei ihrer Landungsboote nach Marineangehörigen der Kriegsmarine-"Gerhard Prenzler", "Rolf Peters" und "Heinz Wilkowski".
Diese wurden von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und am 4. Mai 1945 hingerichtet.
WARUM?

Ich entsinne mich an eine DDR Filmserie, "Rottenknechte" hiess sie, glaub ich- da war wohl von Meuterei die Rede!
Was geschah damals auf M612?

Hoover


3.5.04 20:24:10
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M612 A.G. Neptun Rostock 23.03.1945 01.04.1945 11 crew members shoot during mutiny on 05.05.1945. Taken over by Britain in 1945, scrapped 1948


Weitere Information: Rädelsführer der Meuterei wurden zum Tode verurteilt und am Abend vor dem Waffenstillstand gegen die Westmächte erschossen.

waldi44


3.5.04 20:32:55
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Hihi, Hoover:P, DAS habe ich auch gefunden, war mir aber zu wenig:D!

Hoover


3.5.04 21:09:30
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Dann frag doch mal beim Marinearchiv (oder wie das heißt) nach.

waldi44


3.5.04 21:14:12
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Gepostet von Hoover
Dann frag doch mal beim Marinearchiv (oder wie das heißt) nach.


Hab's mal in's "NVA- Forum" gesetzt!

War wohl der einzigste Fall von Meuterei auf einem Kriegsschiff der deutschen Kriegsmarine wärend des 2. Weltkrieges!

[ Editiert von Administrator waldi44 am 03.05.2004 22:02 ]

M.S.Laarman


10.5.04 20:34:33
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Hier das Bericht meine Freund Egon Otten, der auf M-601 war und die Sache erlebt hat.

Mein Kriegsende auf „M 601“

Egon Otten

Gedanken an mein Kriegsende auf „M 601„
Gedenken an ein Kriegsende mit 11 Opfern auf „M 612„

Ich erlebte das Ende des zweiten Weltkrieges auf dem Minensuchboot “M601“ in Sonderburg in Dänemark. Wir waren amTodestag des Führers aus Rostock ausgelaufen, vollgeladen mit Flüchtlingen. Zum Teil Familien welche schon eine lange Flucht hinter sich hatten. Wir verließen morgens am 30.04.45 die Rostocker Neptun Werft und liefen erst einmal nach Warnemünde, hier legten wir beim Verpflegungsamt an und ergänzten unsere Vorräte und viele andere gute Dinge, die wir im Verpflegungsamt vorfanden. Ich persönlich hatte mir eine Kiste Schokolade organisiert, denn das Verpflegungsamt sollte gesprengt werden. Kaum hatten wir die Pier verlassen, als ein russischer Panzer auf dem Strandgelände auftauchte und uns einen Schuß nachsandte.

Unser Zielhafen sollte Kiel sein, da wir dort stationiert waren. Auf der Nachtfahrt dorthin, wo es immer wieder U Boots Alarm gab, wurde die Meldung von Hitlers Tot über die Bordlautsprecheranlage verbreitet, gleichzeitig wurde Großadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt. Für uns ganz jungen Soldaten ein Gefühl von
M-612 nach dem Krieg in Kiel

Haltlosigkeit die aufkam. Auf jedenfalls war alles froh darüber, daß nun wohl endlich der Krieg zu Ende gehen soll. Kiel wollte uns nicht haben, man beschäftigte sich damit Papiere und Unterlagen zu verbrennen und es ging nicht einmal eine Leine an Land. Die Order lautete nach Dänemark zu laufen.

In See gab viele Fliegeralarme, der Angriff eines Flugbootes mit Bordwaffen wurde von der Bordflak abgewehrt, ohne Zielvorgabe liefen wir nach Kopenhagen und wollten an der langen Linie bei dem Kreuzer Prinz Eugen“ und Kreuzer „Nürnberg“ anlegen, denn wir wollten gerne unsere Flüchtlinge an Land abgeben. Zu einem Anlegen kam es nicht, indem wir Befehl erhielten nach Sonderburg zu fahren. In Sonderburg gingen wir durch die Drehbrücke, welche schon mit Widerstandskämpfern besetzt war, in den Hafen und legten uns im Päckchen zu „ M 612 „. Wir hatten gehofft die Flüchtlinge abgeben zu können, aber die Dänen waren nicht mehr bereit, Deutsche Flüchtlinge aufzunehmen. Noch herrschte Kriegszustand und man mobilisierte alle Schiffe die noch fahrbereit waren, die eingeschlossenen Truppen aus Kurland zu evakuieren. Auch für unsere beiden Schiffe „M 601“ und „M 612“ die zur neuen 12. M S Flottille gehörten, galt es nun Vorbereitungen zu treffen. Zunächst war der Brennstoffvorrat, sprich Kohlen zu ergänzen. Beide Schiffe gingen nach Apenrade zum Bunkern. Der Steinkohlenvorrat war verbraucht und es gab nur noch Braunkohlenbriketts. Damit eine hochwertige Kesselanlage zu beheizen, in Kriegszeiten war fast unmöglich. Bei dem großen Dampfbedarf der Maschinen, kam anstatt Rauch, nur Funkenflug aus dem Schornstein, welches bei kriegsmäßigen Fahren in der Dunkelheit, sehr gefährlich sein konnte.

Beide Schiffe kehrten nach Sonderburg zurück.“ M 612“ hatte an der Pier festgemacht, wir legten uns dazu ins Päckchen. Jetzt ging durch unser Schiff eine seltene Unruhe. Es wurde von Aussteigen und Abhauen gesprochen und es ist schon richtig, wenn sich diese Unruhe auf die Besatzung von „M 612“ übertrug und man keine Lust mehr verspürte nach Kurland auszulaufen, überhaupt noch den Kopf hin zu halten. Die Unruhe hatte seinen Ursprung im techn. U-Raum ( Unteroffiziers-messe). Fünf Leute unseres Schiffes waren in der Nacht verschwunden und sind nicht wieder aufgetaucht. Sie sollen von den Dänischen Widerstandskämpfern aufgegriffen worden sein.

Am nächsten Morgen, es war des 5. Mai 1945, machte „ M 612“ seeklar zum Auslaufen. Unser Boot konnte wegen der Flüchtlinge an Bord vorläufig nicht seeklar machen und wir ließen „ M 612 „aus dem Päckchen heraus manövrieren. Inzwischen waren die Kampfhandlungen ab den 5. Mai 1945 im Nordbereich und Dänemark einzustellen d. h. es durften auch keine Schiffsbewegungen mehr geben, aber für die Schiffsführungen bestand einfach noch der Befehl nach Kurland zu laufen .Es waren junge Offiziere an Bord von „M 612 die noch vom Tatendrang besessen waren und es ging „M 612“ in See. Weit ging die Reise nicht. Gerade in See, die Küste war noch zu sehen, bemächtigte sich die Mannschaft der Schiffsführung und sperrte die Offiziere in ihren Kammern und der Messe ein und stellte bewaffnete Posten vor den Türen auf. Dieses war offene Meuterei und gab dem Kommandanten eines vorbei-fahrenden Schnellbootes den Verdacht, daß hier nicht alles in Ordnung sei, nach dem er einen Winkspruch an den Kommandanten absetzte, welcher unbeantwortet blieb Er wurde misstrauisch und ging bei dem Schiff längseits. Sofort wird eine Meldung an die Flottille abgesetzt. Während des Nach-mittags kommt es zu einer gütlichen Einigung zwischen den Meuterern und dem Kommandanten. Es scheint der Friede wieder hergestellt zu sein.

Am Nachmittag erscheinen auch mehrere S Boote und umstellen das M Boot. Es kommt ein Untersuchungs-Kommando an Bord, unter anderem ein Crewkamerad des Kommandanten. Der Tatbestand, daß bei der Begegnung mit dem S Boot, nicht der Kommandant oder sonst ein Verantwortlicher auf der Brücke waren, noch auf Anfrage dort erschienen sind,. Hatten denVerdacht erhärtet.

Die Verhandlung:
Auf Angaben über Tatbeteiligte, Tatanteile, beziehen sich die Standgerichtsurteile. Für 11 Männer Todesurteile und 4 Männer Zuchthausstrafen. 5 Männer werden freigesprochen. Das Alter der Männer war von 18 bis 23 Jahren, noch blutjung.

Die Kommission ging von Bord um sich die Urteile von einer höheren Gerichtsinstanz bestätigen zu lassen und kehrten gegen 22 Uhr auf das vor Anker liegendes Schiff zurück. Gegen 23 Uhr beginnt die Vollstreckung der Todesurteile. Es befand sich nicht wie vorgeschrieben ein Arzt an Bord, um den Tot nach dem Vollzug festzustellen. Zur Vollstreckung war ein Kommando von Land, an Bord mitgebracht worden. Die gesamte Besatzung mußte der Vollstreckung zu sehen, welche auf der Back stattfand. Es geschah auf eine unmenschliche Art und Weise. Die Leichname wurden mit Grundgewichten versehen und über Bord geworfen. Später wurden die Toten von Dänischen Fischern geborgen. Alle Leichname konnten nicht gefunden werden. Die geborgenen Toten wurde auf dem Friedhof in Sonderburg beigesetzt, auf dem Teil der für Kriegstote und Verstorbene der Wehrmacht vorgesehen war.

Das Vorgehen und das Urteil wirft viele Fragen auf. War es offene Meuterei, war es ein Aufbegehren gegen staatliche Gewalt einer schrecklichen Diktatur? Die Kampfhandlungen und Schiffsbewegungen waren nach Kapitulationsvertrag nicht mehr erlaubt. Warum wurde die Verurteilung und Vollstreckung in dieser Zeitnot und Tempo ausgeführt? Ich finde hier liegt das unmenschliche Verhalten der vom Nationalismus geprägten Richtenden vor. Wo ist der Verstand? Könnte man das Tun der Soldaten mit dem Tun der Männer vom 20 Juli gleichsetzen? War es ein unkameradschaftliches Verhalten gegenüber der noch in Kurland kämpfenden Truppe? Warum wurde der unsinnige Befehl noch befolgt? Fragen über Fragen? Ich weiß, es wird nicht gerne in Marinekreisen darüber gesprochen, aber zum erstenmal taucht etwas öffentlich auf, in der Ausstellung Germania auf dem Meere in Wilhelmshaven, gezeigt 1998 im Rathaus. Auch das zur Ausstellung erschienene Buch berichtet über den Vorfall.

Nicht durch die Kriegsgegner, sondern durch die Gewehre der Kameraden fanden die elf Männer den Tod.

Die Volksmarine der ehem. DDR hat diese Vorfälle des 5. Mai 1945 zu Zwecken ihrer Propaganda tendenziös ausgenutzt Schiffe bekamen den Namen der Erschossenen. Wenn von der roten Fahne gesprochen wird, welche an Bord gehißt sein sollte, so ist dieses nicht wahr. Obwohl ein Lübecker Gericht später auf eine Klage der Angehörigen von einer offenen Meuterei gesprochen und entschieden hat, wurden die Toten rehabilitiert und den Angehörigen Ansprüche auf Kriegsopferentschädigungen zugebilligt.

Herzliche Gruss,

Maurice Laarman

Gast


10.5.04 21:31:28
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Das war aber ein interessanter Bericht! Bei der Marine schien man aber NACH Kriegsende ziehmlich "erschiessungswütig" gewesen zu sein. Hat man so sonst nie erfahren:

Präsentation des Buches „Hans Constabel: Hol nieder Flagge!

Ereignisse um Standgericht – Mai 1945“

Als am 7. Mai 1945 die Teilkapitulation in Kraft tritt und auf dem vor Kopenhagen liegenden Minenräumboot R 414 die Flagge eingeholt wird, scheint der Alptraum des Krieges beendet. Doch dann kommt der Befehl zum Auslaufen nach Hela, um Flüchtlinge abzuholen. Zwei Männer meutern und wollen die beiden Stabsoffiziere an Bord überwältigen, aber der Versuch scheitert. Die Fahrt nach Hela ist nach diesen Ereignissen jedoch nicht mehr möglich.

Der Autor, Fregattenkapitän a.D. Hans Constabel, war als 21-jähriger Leutnant zur See Kommandant des Bootes und erlebte die Ereignisse mit, die in der Einberufung eines Standgerichts gipfeln. Einzig der Besonnenheit eines Gerichtsmitglieds ist es zu verdanken, dass die Fällung von Todesurteilen mit dem Hinweis auf die Unzuständigkeit eines Standgerichts an Bord gerade noch verhindert wird. Alle atmen auf: „Wir sind Soldaten, keine Henker.“ Das Boot verlegt nach der Kapitulation nach Flensburg, wo sich die „Meuterer“ in den Schutz der Engländer begeben. Der Kommandant wird von den Briten verhaftet, die Besatzung von Bord gejagt. Lange hängt ihnen der Ruf als Verräter an ...

Nach genauer Recherche beschreibt der Autor die Vorgänge, in die die Beteiligten verstrickt waren. Er beschönigt nichts, und auch die Erleichterung über den glimpflichen Ausgang bleibt gedämpft. Es war kein strahlender Sieg der Menschlichkeit, sondern eher Zufall.

Bei seinem ersten Erscheinen 1989 löste das Buch vor allem in Marinekreisen heftige Diskussionen aus. Auszüge dieser Diskussion sind in der 2. Auflage in einem Anhang zusammengestellt. Mit der erneuten Veröffentlichung trägt das Deutsche Schiffahrtsmuseum (DSM) der Tatsache Rechung, dass dieser Bericht deutlich über seinen Wert als schifffahrtsgeschichtliche Quelle hinausgeht.

Das Deutsche Schiffahrtsmuseum stellt die bearbeitete und erweiterte Neuauflage des Buches
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