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Schicksal von U-570

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Quintus


21.5.02 13:59:54
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Schicksal von U-570
Mitte 1940 setzte von der deutschen Kriegsmarine der verschärfte U-Boot-Krieg ein. Der Masseneinsatz von U-Booten ("Rudeltaktik") brachte der deutschen Kriegsmarine bis Anfang 1943 noch große Erfolge. Allerdings verlor die U-Boot-Waffe auch viele Boote und damit die bewährten Mannschaften und erfahrensten Kommandanten (allein im März 1941 kamen einige ihrer legendärsten Kommandanten um: Prien, Schepke und Kretschmer - letztere beide am selben Tag). Aber auch die "zweite Generation" - die einstigen Wachoffiziere, die inzwischen zu Kommandanten aufgerückt waren, blieben nach und nach auf der Strecke. So fiel beispielsweise am 21. Dezember 1941 mit der gesamten Besatzung von U-567 Kapitänleutnant Endraß nordöstlich der Azoren. 1939 war er als I WO unter Prien in Scapa Flow gewesen. Ein halbes Jahr später fand der ehemalige II WO des Prien-Bootes, Oberleutnant zur See von Varendorf, als Kommandant von U-213 im Nordatlantik mit der gesamten Besatzung den Tod. Anfang 1942 befand sich bereits die "dritte Generation" von U-Boot-Kommandanten und Mannschaften auf Frontbooten,- Offiziere und Matrosen, die sich erst während des Krieges zur faschistischen U-Boot-Waffe gemeldet hatten oder zu ihr abkommandiert worden waren. Entsprechend unerfahren waren komplette Mannschaften, die Marine hatte Nachwuchsprobleme, darüber hinaus auch Ausbildungsprobleme, denn unter dem Zeitdruck bei der Ausbildung litt natürlich die Qualifikation. Ein Beispiel dieser Auswirkungen ist das Schicksal von U-570. Die Verluste der U-Boot-Waffe betrugen bis August 1942 bereits 3.803 Mann, davon waren 1.959 gefallen, 696 vermisst und 1.148 in Gefangenschaft geraten. Das waren 38 Prozent der Kampfstärke.
U-570 befand sich auf dem Marsch ins Operationsgebiet. Es war eines der neuen Frontboote. Die Besatzung einschließlich des Kommandanten, Kapitänleutnant Rahmlows, war in einer der U-Boot-Lehrdivisionen in der Ostsee ausgebildet worden. Auf der Marschroute durch das Kattegat und das Skagerrak ging es zunächst zur Treibstoffergänzung in einen westnorwegischen Hafen, danach sollte das Boot weitausholend um die Britischen Inseln in den Atlantik hinein, um schließlich nach beendetem Einsatz einen Stützpunkt an der französischen Küste anzulaufen.
U-570 stand am Nachmittag des 27. August 1941 etwa 100 Meilen südlich Island. Einige britische Bewacher hatten das Boot unter Wasser gedrückt und mit ihren Wasserbomben großen Schaden im Boot verursacht. Es blieb zwar tauchfähig, doch die erstmals mit dem Gegner in Berührung gekommene Besatzung verfiel in eine Panik. Erschrocken über die nahe Todesgefahr, entstand ein chaotisches Durcheinander bei dem Versuch, die Schäden zu beseitigen. Es zeigte sich, dass der "Ernstfall" nun doch etwas ganz anderes war als die bei der Übung von dem Ausbildungsleiter angegebenen Ausfälle und seine Hinweise zur Beseitigung.
Nach längerer Tauchfahrt, bei der die Nerven der Besatzung in dem angeschlagenen Boot weit überfordert wurden, tauchte U-570 in den Abendstunden auf. Von den Bewachern war nichts mehr zu sehen. Plötzlich brauste jedoch ein Bomber heran, und ehe Rahmlow und die Brückenwache begriffen hatten, was vor sich ging, klatschten die ersten Bomben schon um das Boot ins Wasser. Das Boot wurde durch den Detonationsdruck hin und her geworfen. Die Besatzung, den ersten Schock noch nicht überwunden, fiel voll panischem Schrecken in den nächsten. Rahmlow schrie wie besessen einen Tauchbefehl nach dem anderen durchs Sprachrohr in die Zentrale hinunter. Als er sich schon im Luk befand, kam die Meldung des LI, dass das Boot tauchunklar wäre. Einige Tauchzellen wären leck und mehrere Ventile zersprungen; Rahmlow blieb auf der Brücke. Der Bomber hatte inzwischen gewendet und flog erneut an. Rahmlow befahl die Flakbedienung an die Geschütze. Noch bevor die Geschütze feuerbereit waren, fielen die Bomben. Wieder schüttelte sich das Boot. Die Geschützbedienungen warfen sich flach aufs Deck. Als die leuchtenden Bahnen der MG-Geschosse aus dem Flugzeug aufblitzten und aus der Zentrale neue Schäden gemeldet wurden, war die Panik unter der Besatzung vollständig. Rahmlow befahl nach einer weißen Flagge zu suchen. Noch bevor der Bomber zum erneuten Anflug ansetzen konnte, hatte der Signalgast eilig die Kapitulationsflagge ans Sehrohr angeschlagen. Sie war eines der weißen Hemden des Kommandanten.
Jederzeit bereit, sich auf das Boot zu stürzen, kreiste das Flugzeug um das ruhig im Wasser liegende Boot. Nahezu die gesamte Besatzung von U-570 war inzwischen an Deck gekommen und verfolgte bang das Kurven des Bombers. Das Flugzeug war bemüht, mit Funkspruch so schnell wie möglich Schiffe herbeizurufen. Es sollten aber noch Stunden vergeben, bis die ersten U-Boot-Jäger eintrafen.
Die Besatzung wurde gefangengenommen und U-570 in den alliierten Stützpunkt Hvalfjord auf Island geschleppt. In der britischen Presse und im Rundfunk wurde die Aufbringung des deutschen U-Bootes mitgeteilt. Für die Royal Navy war das eine Genugtuung für die Kaperung ihres U-Bootes "Seal" im Frühjahr 1940 im Skagerrak.
Kapitänleutnant Rahmlow, der Kommandant von U-570, hatte sein kampfunfähiges Boot nicht - wie in einem solchen Fall vorgesehen - selbst versenkt. Mag auch in den entscheidenden Minuten Verwirrung und Panik unter der Besatzung geherrscht, mag die Angst um das eigene Leben die Entscheidung des Kommandanten beeinflusst haben, ohne Zweifel aber hatte Rahmlow durch seine Tat - ob bewusst oder unbewusst - mit der faschistisch-deutschen Kriegführung gebrochen.
Wie grundverschieden war diese Haltung von der anderer Kommandanten, von denen keiner den Mut für solch einen ersten Schritt aufbrachte, selbst wenn sie sich in ähnlichen Umständen befanden. Sie dachten höchstens an die Rettung des eigenen Lebens. Im Unterschied zu den Praktiken auf den anderen Schiffen befand sich bei der Versenkung eines U-Bootes naturgemäß fast immer der Kommandant unter den wenigen Überlebenden.
Deshalb traf Rahmlow und seine Besatzung die Rache deutscher Marineoffiziere. Im Gefangenenlager mussten britische Soldaten Rahmlow mit Waffengewalt vor der über ihn verhängten Feme schützen.
Im Falle des I WO von U-570 gelang das nicht. Kein anderer als der berüchtigte Kretschmer, der in diesem schottischen Offiziersgefangenenlager in Grizedale Lagerältester war, organisierte gegen den ehemaligen Wachoffizier Berndt ein sogenanntes Ehrengericht. Der junge Offizier wurde verurteilt, "die Schmach zu tilgen", indem er das U-Boot, das in einer Bucht an der Westküste Schottlands lag, versenken sollte. Nur durch eine nachträgliche Selbstversenkung wäre die "Ehre" der deutschen Kriegsmarine wieder herstellbar. Es ist charakteristisch für die Erziehung vieler Marineoffiziere, dass der Wachoffizier nicht gründlich über die Haltung seines Kommandanten nachgedacht hatte und das Urteil des illegalen "Ehrengerichtes" annahm. Bei der Verwirklichung dieses Unternehmens wurde der aus dem Lager ausgebrochene Offizier erschossen.
Bei der Untersuchung des Falles durch britische Behörden redete sich Kretschmer damit heraus, dass er von alledem nichts gewusst hätte. Zu beweisen war ihm nichts.
Bemerkenswert für die Wertschätzung Kretschmers durch die deutsche Führung ist folgender Umstand. Im Januar 1942 verlieh ihm Hitler die "Schwerter zum Eichenlaub", obwohl bekannt war, dass er sich seit über zehn Monaten in britischer Kriegsgefangenschaft befand.
Die deutsche Seekriegsleitung wusste innerhalb weniger Tage, was südlich Island vorgefallen war. Die Nazipropaganda stritt den Tatbestand im Ausland natürlich ab, in Deutschland selbst wurde er einfach verschwiegen. Zuerst hatte man befürchtet, dass mit der Kapitulation des Bootes auch der Funkschlüssel in englische Hände gefallen wäre. Eine völlige Umstellung des gesamten Funkverkehrs und die Einführung eines neuen Schlüsselsystems waren innerhalb weniger Monate nicht durchführbar, geschweige denn innerhalb weniger Wochen. Zwar bewahrheiteten sich diese Befürchtungen der U-Boot-Führung nicht, aber ihre Sorgen wurden darum nicht geringer. Offensichtlich reichte die Zeit für die Ausbildung der U-Boot-Besatzungen für den kriegsmäßigen Einsatz nicht mehr aus. Am meisten befürchtete sie insgeheim, dass unter dem Eindruck der ständig zunehmenden Verluste die gerühmte Zuverlässigkeit der U-Boot-Besatzungen, ihr Fanatismus, ihre Bereitschaft, alle Entbehrungen und Strapazen auf sich zu nehmen und bedingungslos ihr Leben aufs Spiel zu setzen, gelitten haben könnte. Die Kapitulation von U-570 schien ihr hierfür ein erstes Anzeichen zu sein.
Dabei war dem Befehlshaber der U-Boote unbekannt geblieben, dass schon am 9. Mai 1941 eines seiner U-Boote zur Übergabe gezwungen worden war: Der Besatzung des britischen Zerstörers "Bulldog" gelang es, U-110 (der Kommandant dieses Bootes U-110, Lemp, hatte zu Beginn des Krieges die "Athenia" versenkt) zu erbeuten, wobei die geheimen Bordunterlagen in britische Hände gefallen waren. Aber erst nach der Aufbringung von U-570 konnten die dabei gewonnenen Erkenntnisse praktisch aus gewertet werden, da U-110 kurz nach der Übergabe noch gesunken war.
Die britische Propaganda wertete selbstverständlich diese Fakten in ihren deutschsprachigen Rundfunkprogrammen aus. Um diesen psychologischen Angriff abzuwehren, behauptete die deutsche Seekriegsleitung, die Handlungsweise des Kommandanten und der gesamten Besatzung von U-570 sei nichts weiter als Feigheit vor dem Feind gewesen. Jede Gerüchteverbreitung um U-570, die nur von feindlichen Sendern stammen könne, sollte auf das entschiedenste mit kriegsgerichtlichen Mitteln geahndet werden. Die geringsten Anzeichen von Feigheit oder Zweifel am siegreichen Einsatz der U-Boote waren durch Tatbericht der Vorgesetzten dem Kriegsgericht bekannt zumachen.
Die Lage für die deutschen U-Boote im Atlantik wurde im Verlauf des Krieges immer aussichtsloser. Obwohl Dönitz seit April 1942 über mehr U-Boote verfügte, als er einst für ausreichend erachtet hatte, um Großbritannien von seinen Zufuhren abzuschneiden, blieben die Erfolge aus. Die Zahl der Boote stieg in der Folgezeit noch erheblich an. Im Mai 1943 waren es bereits 436. Doch dann sank der Bestand bis September um 20 ab. Erst im Dezember waren die Verluste aufgeholt, und in den folgenden Monaten vergrößerte sich der Bestand wieder, während die Vernichtung alliierten und neutralen Schiffsraumes dagegen steil abfiel. Die Angriffe auf Geleitzüge endete in der Regel mit Misserfolgen, oft wurden dabei mehr U-Boote vernichtet als Handelsschiffe. Immer mehr U-Boote mussten nach ihren Einsätzen in die Reparaturwerften gebracht werden. Im Oktober 1944 waren von 456 vorhandenen U-Booten nur noch 141 einsatzfähig.
Bei all den Problemen sank die Moral der U-Boot-Fahrer entsprechend. Bis Juni 1944 wurden 836 Todesurteile an Angehörige der deutschen Marine vollstreckt. Die Gesamtzahl der kriegsgerichtlichen Verurteilungen betrug im selben Zeitraum 6.850. Auf 100.000 Angehörige der Kriegsmarine kamen also 874 Verurteilungen.
Geschichte der deutschen Kriegsmarine (Teil meiner Homepage)

~Rainer


23.5.02 00:46:24
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Hallo,
und was lernen wir daraus?
Gruss
Rainer
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