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U-110 und Enigma

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AutorBeitrag

waldi44


25.2.03 22:10:03
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Die wohl grösste Niederlage, welche die U- Bootwaffe erlitt und bis Kriegsende nie vollständig überwandt, war wohl die Kaperung von U- 110 unter Ktl. Lemp, jenen Lemp, der die "Athenia" versenkte und der damit verbundene Verlust einer vollständig erhaltenen, mit allem Zubehör versehenen Enigma, dem Geheimsten was es damals im Reich gab!
Zwar gab es schon vorher den einen oder anderen Erfolg, so als vor den Lofoten am 3. März 1941, das deutsche Vorpostenboot "Krebs" vom Zertörer "HMS Somali" geentert wurde und man zumindest die Walzen, die gerade nicht im Einsatz waren, erbeutete oder als am 7. Mai des selben Jahres das Wetterschiff "München" vor Jan Mayen geentert wurde und zwar wieder keine Schlüsselmaschine erbeutet wurde, aber dafür wiederum reichlich Unterlagen!
Alles zusammen ermöglichte es den Briten schon zu diesem frühen Zeitpunkt den einen oder anderen Funkspruch ganz oder teilweise zu entschlüsseln.
Nur wenige Tage nach der "München" sollte sich der grösste Wunsch des britischen Geheimdienstes erfüllen - eine intakte Enigma zu erbeuten!
Schon seit längerem versuchte man unbedingt ein deutsches U- Boot zu kapern. Deswegen gab die Admiralität den Befehl heraus, einem zum Auftauchen gezwungenem U- Boot bekannt zu geben, dass im Falle einer Selbstversenkung, keine Rettungsversuch für die Besatzung unternommen werden würden!
Am 8. Mai (tolles Datum ;)) sichtete U-110 den Konvoi OB318, kurz nachdem dieser sich vor den Hebriden formiert hatte. Zusammen mit U-201, Kptl. Schnee, wurde angegriffen!
U-110 feuerte seine Torpedos aufgetaucht ab und erst zu spät wurde die Korvette "HMS Aubretia" entdeckt, die genau auf das Boot zuhielt. Innerhalb von 30 Sekunden war U-110 mit Alarmtauchen verschwunden, aber die wasserbomben erreichten das Boot dennoch und beschädigten es schwer!
Weitere Geleitschiffe, die Zerstörer "Bulldog" und "Broadway"
belegten U-110 mit Wasserbomben und beschädigten das Tiefenruder, die E- Motoren und Batterien!
Austretende giftige Dämpfe versetzten die Besatzung schliesslich in Panik und das beschädigte Tiefenruder brachte das Boot fast zum entgültigen Abtauchen. Schliesslich stieg das Boot doch wieder um Minuten später im konzentrierten Feuer der Zerstörer aufzutauchen!
Fluchtartig verliess die Besatzung das vermeintlich sinkende U- Boot! Commander Baker-Creswell erkannte seine Chance, ein intaktes U- Boot zu kapern, sofort und handelte!
Er nahm Kurs auf das Boot und lief mit Volldampf darauf zu. In der Annahme gerammt zu werden, sprangen auch die letzten Besatzungsmitglieder, unter ihnen Kpl. Lemp, über Bord ohne, wie befohlen ihr Boot selbst versenkt zu haben. Das schien aber nicht nötig zu sein....
Doch der Zerstörer drehte bei und die schnell aufgefischten Überlebenden wurden unter Deck geschafft, damit sie das nun folgende nicht sehen konnten!
Das U- Boot wurde gekapert! Als der noch im wasser schwimmende Lemp erkannte, dass sein Boot nicht gerammt wurde und auch nicht sank, schwamm er zurück und wollte wieder an Bord, wohl um es doch noch zu sprengen. Das Prisenkommando entdeckte und erschoss ihn!
An Bord von U-110 fand man alles was man brauchte, eine vollständige Enigme und alle dazu gehörenden Unterlagen!
Das Boot selbst, sank am folgenden Tag doch noch und die Kaperung als solche blieb noch Jahre nach Kriegsende ein streng gehütetes Geheimnis!

Quintus


26.2.03 05:52:16
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Folgendes als Ergänzung:
Enigma hieß 'Rätsel' bei den Griechen des Altertums. Enigma nannten die Deutschen jene Code-Maschine, die 1938 in die Serienproduktion ging, weil sie - ein kompliziertes System elektrisch angetriebener Zylinder, die alle Buchstaben des Alphabets trugen - dazu bestimmt war, während des ganzen Zweiten Weltkrieges die Befehle Hitlers, seiner Generale und Admirale an ihre Armeen und Schiffe und deren Antworten an die Hauptquartiere zu chiffrieren. "Hitler, der seinen Marschällen und mir", schrieb dreißig Jahre später,1976, sein abgewrackter Rüstungsminister Speer, "immer wieder in lehrhafter Wendungen erklärte, dass wir in diesem Krieg den besten Geheim-Code hätten, den Menschen überhaupt erfinden könnten", wusste so wenig wie jeder andere Deutsche, dass zwei Polen bereits 1938 eine solche Maschine für ihren und für den britischen Geheimdienst in der deutschen Fabrik gestohlen hatten.
Zwischen 1940 und 42 steigerte man nocheinmal die Kombinationsmöglichkeiten der Code-Maschine. Doch der britische Mathematiker Knox lüftete auch dieses Geheimnis.
Nach Hitlers Invasion Norwegens war es den Briten geglückt, aus einem vor der Norwegischen Küste abgeschossenen deutschen Flugzeug eine weitere Enigma-Chiffriermaschine mit allen Codes zu bergen. Im Frankreichfeldzug hatten sie alsbald ähnliches wertvolles Material aus einem zu weit vorgestoßenen deutschen Panzer-Nachrichten-Wagen erbeutet.
Dann am 8. Mai 1941 fiel U-110 südlich Grönlands in die Hände der Briten - was sie bis 1958 geheim hielten: Sie holten "die völlig intakte, unbeschädigte Schlüsselmaschine mit allen dazugehörigen Unterlagen und vielen anderen Geheimdokumenten heraus", wie Patrick Beesly schreibt, Chronist des Geheimdienstes der britischen Admiralität.
Dass von 39.000 deutschen U-Boot-Fahrern 27.212 gefallen sind, verdanken sie vorwiegend , dass ihr Chef Dönitz blind Vertrauen in Enigma setzte - obwohl viele Offiziere im Stab von Dönitz die Vermutung hegten, der Engländer könne unzweifelhaft die deutschen Funksprüche lesen, und entsprechend reagieren.
Solche Bedenken pflegte man allerding im allgemeinen vom Tisch zu fegen - zu verdrängen!

Quelle: "Geschichte der deutschen Kriegsmarine. Von den Anfängen bis 1945." © 1989 by Torsten Migge* und Reiner Ebert, Lammler-Verlag München.
* Alias: 'Quintus' in diesem Forum.

The Real Blaze


26.2.03 17:07:57
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Es war schon ein schwerer Rückschlag für unsere Kriegsmarine.Aber der Höhepunkt aller Abschußerfolge,war erst im April 43' überschritten,als die lückenlose Überwachung stand.Dönitz war unfähig danach zu erkennen,daß die Atlantikschlacht verloren war.Boote des Typs XXI,hätten erst massiv Mitte 45' ein Rolle gespielt.Was auch ein extremer Nachteil war,war die fehlende Marineluftwaffe die nur für die Marine da war.Nur wegen dem Dicken...("Alles was fliegt gehört mir")
mfg The Real Blaze

DER Alte


26.2.03 18:58:53
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Gepostet von Quintus

Quelle: "Geschichte der deutschen Kriegsmarine. Von den Anfängen bis 1945." © 1989 by Torsten Migge* und Reiner Ebert, Lammler-Verlag München.
* Alias: 'Quintus' in diesem Forum.

waldi44


26.2.03 19:25:36
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Das "blinde Vertrauen" in die Enigma ging sogar so weit, dass Dönitz alle seine Mitarbeiter überwachen liess, weil er annahm, es könnte eher ein Verräter in den eigenen Reihen sein, als dass die Maschine versagte!
Immerhin gab es acht Schlüsselwalzen, von denen immer drei im Einsatz waren und ein Steckerbrett. Es gab 336 verschiedene Möglichkeiten der Anordnung der Schlüsselwalzen und 17.657 weitere Möglichkeiten der "inneren" Ringeinstellung. Dazu kamen noch die 1.500 verschiedenen Möglichkeiten die Stecker im Steckbrett zu stecken!
Heraus kam ein verwirrender Buchstabensalat, der nur entschlüsselt werden konnte, wenn der ganze Vorgang auf einer anderen Enigma in umgekehrter Reihenfolge durchgeführt wurde und wie sollte man aus den vielen Kombinationsmöglichkeiten die richtige herausfinden?
Das fragten sich die Herren im Herrenhaus vom Bletchley Park, 65 km nördlich von London auch und begannen mittels eines primitiven Computers, "Bombe" genannt, mit der dechiffrierung. Ihr Pech, dass sie den Marinecode knacken mussten, denn von allen war er der koplizierteste :D!
Dass Quintus mehr als nur einen Bleistift halten konnte, hab ich schon längst bemerkt, dass er das aber beruflich macht und er uns dennoch die Ehre giebt, sollte uns alle hier stolz machen!

The Real Blaze


26.2.03 22:55:34
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Ist schon makaber,daß die Geburtstunde des Computers mit der Enigma zusammen hing.krieg ist grausam und verachtend,aber auf der anderen Seite erlebte die Menschheit eine Welle des technischen Fortschritts.Vielleicht sollte ich meinen Comp U-110 nennen.
:D
mfg The Real Blaze

waldi44


26.2.03 23:01:32
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Nicht ganz, denn die "Geburtsstunde" des "Computers" war schon früher und der Geburtshelfer hiess Konrad Zuse!
Konrad Zuse

Quintus


27.2.03 05:08:59
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Gepostet von waldi44
Das "blinde Vertrauen" in die Enigma ging sogar so weit, dass Dönitz alle seine Mitarbeiter überwachen liess, weil er annahm, es könnte eher ein Verräter in den eigenen Reihen sein, als dass die Maschine versagte!

Hierzu möchte ich mal einen hervorragenden Aufsatz benennen, der genau das vorzüglich untersucht:
"Warnsignale und Selbstgewißheit. Der deutsche Marine-Nachrichtendienst und die vermeintliche Sicherheit des Schlüssels M ("Enigma") 1943/44" von Werner Rahn, aus Militärgeschichtliche Zeitschrift, No. 61 (2002) Heft 1, ab Seite 141. [ISBN 0026-3826]
Militärgeschichtliche Zeitschrift

Übrigens: Schnapszahl! das ist mein 444zigstes Posting :P

Quintus


27.2.03 05:31:42
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Gepostet von waldi44
Dass Quintus mehr als nur einen Bleistift halten konnte, hab ich schon längst bemerkt, dass er das aber beruflich macht und er uns dennoch die Ehre giebt, sollte uns alle hier stolz machen!

Ne, ne, Hauptberuflich kann ich das schon lange nicht mehr betreiben - die Rezession und der Geldmangel macht auch vor Redaktionen (z.B. von Zeitschriften) und Verlagen nicht halt! Neuerdings z.B. schreiben die Redakteure von Zeitschriften meißt alles selber, entsprechend läßt die Qualität und Authentizität teilweise zu wünschen übrig...
Meine beruflichen Tätigkeiten sind vielfältig...
Cali, Colombia (bin momentan in Kolumbien), te quiero!

waldi44


27.2.03 12:19:18
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Cali, Cali? Ups, biste auf Drogen umgestiegen:D ?
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