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Krieg in Südamerika

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AutorBeitrag

The Real Blaze


11.11.03 17:28:21
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Bisher wußte ich von Kriegen in Südamerika in den 30' Jahren oder gar 40' Jahren so gut wie nichts!Nun habe ich beim Renovieren eines Zimmers eine angeklebte Zeitung aus der Vorkriegszeit entdeckt,mit einigen noch brauchbaren leserlichen Artikeln.Einer sprang mir sofort ins Auge: Und zwar wurde da berichtet,daß die bolivianische Armee ein Fort in Paragay erobert hatte! 6000 Tote und 12000 Verwundete hatte es dabei gegeben während dieser Kämpfe.(auf paragayischer Seite)Leider hab ich nirgendwo ein Datum leserlich gefunden wann das genau war,aber irgendwie um 1935 herum(?).Also an Hand der Verlustzahlen war dieser Krieg wohl keine Kleinigkeit!Wer weiß mehr darüber,Hintergründe Ursachen und Ziele?
mfg The Real Blaze

Erich


11.11.03 18:44:35
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Deutschland mischte wirklich überall mit. Ob 1924 mit Kampfgasen gegen die Rifkabylen oder in Bolivien 1932 :
Aus "Atlas zur Zeitgeschichte" S.175
"...Die Bolivianer hatten schon in den 20 Jahren eine deutsche Militärmission ins Land gerufen. General Hans Kund sollte eine schlagkräftige bolivianische Armee schaffen. Nach einem Grenzzwischenfall im Juni 1932 überzeugte Kundt den Präsidenten, daß seine Armee den Chaco binnen weniger Wochen durchqueren und Asunción einnehmen werde. Aber die Paraquayaner wehrten sich erfolgreich gegen die überlegenen Angreifer, denen - da der "Blitzkrieg" nicht gelang - bald schwer zu schaffen machte, daß die Aimaras, die Hochlandindianer, die das Gros der Kampftruppen stellten, im tropischen Morast des Chaco massenweise erkrankten. Der Chaco-Krieg zog sich 3 Jahre hin und endete für Bolivien mit einem Desaster. Nach hohen Verlusten - über 100.000 Mann an Toten, Verwundeten oder Gefangenen - mußte Bolivien weit mehr Land an den Sieger abtreten, als dieser jemals beansprucht hatte...."

Axel43


11.11.03 18:49:03
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Das ist der sogenannte Gran Chaco Krieg zwischen Paraguay und Bolivien, 1932 bis 35, gewonnen von Paraguay unter Marschall Estigarribia. Es wird als der größte und am bittersten geführte Krieg in Südamerika betrachtet. Es ging um ein großes, kaum besiedeltes Gebiet zwischen P. und B., das die Bolivianer erobern wollten, um Zugang zum Meer zu bekommen.

Erich


11.11.03 19:09:06
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Das Chaco-Gebiet liegt nicht am Meer sondern das "Atacama" - 1884 an Chile und das "Acre" -1903 an Brasilien und Peru.

waldi44


12.11.03 15:08:25
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The Real Blaze


12.11.03 16:18:51
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Gut jetzt hab ich einen Überblick über diesen Krieg.Was wurde eigentlich aus General Kundt? Ist er dort geblieben in Bolivien oder wurde zurückgeholt und woanders eingesetzt?(war wohl nicht so sehr gut,wenn er so eine Pleite mitverantwortet hatte)
mfg The Real Blaze

waldi44


12.11.03 17:11:57
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Vierzig Präsidenten in 84 Jahren
1870-1954:
Trotz aller Sympathie für die Unterlegenen des Tripleallianzkrieges hinderte natürlich niemand die beiden Hauptsieger, Argentinien und Brasilien, daran, aus dem paraguayischen Territorium sehr beträchtliche Stücke herauszuschneiden und sich als Kriegsbeute einzuverleiben: Argentinien annektierte 94000qkm, Brasilien 62000 qkm, so dass zusammen 156000 qkm paraguayisches Gebiet für immer verloren gingen. Da Ostparaguay nach dieser Amputation nur noch 159828 qkm umfasste und das völlig menschenleere, ertragslose Westparaguay, der Chaco, im damaligen Zeitpunkt für die Nation keinerlei Wert besaß - jedenfalls nicht mehr bedeutete als die äußerst vage Hoffnung auf eine sehr ferne Zukunft - wurde Paraguay praktisch auf die Hälfte seines bisherigen Umfangs reduziert. Das verstümmelte, ausgeraubte und entvölkerte Land vermöchte sich in der Folgezeit viele Jahrzehnte hindurch nicht mehr zu einer weitblickenden konstruktiven Leistung aufzuraffen. Immer wieder kam es zu Umstürzen. Die persönliche Sicherheit der Bürger war fast ständig in Gefahr, die Währung unstabil und keinerlei Vertrauen genießend, Rechtsprechung ebenso wie Verwaltung gelähmt, die Wirtschaft jeder über den Tag hinausreichenden Planungsmöglichkeit beraubt. In den 84 Jahren von López Tod bis zum Amtsantritt Stroessners im Jahre 1954 erlebte das Land nicht weniger als 40 Staatspräsidenten, fast alle ohne gesicherte innenpolitische Position, ohne langfristige Ziele und ohne namhafte, bleibende Erfolge im wirtschaftlichen Aufbau, viele von ihnen wurden vorzeitig durch Revolution oder Staatsstreich ihres Postens enthoben. Nur wenige in dieser langen Reihe von Staatsoberhäuptern sind im Rahmen des vorliegenden geschichtlichen Abrisses zu nennen, so vor der Jahrhundertwende der Präsident General Bernardino Caballero (1880-1886), Held des Tripleallianzkrieges, innenpolitisch Gründer der heute regierenden Colorado-Partei, Gründer auch der Rechtsschule, aus der später die staatliche Universität hervorgehen sollte.
In dieser Zeit schnell wechselnder Regierungen fällt ein Ereignis, das erneut die Aufmerksamkeit der Welt auf das paraguayische Soldatentum linkte: der bolivianisch- paraguayische Krieg um den Chaco von 1932 bis 1935 unter dem tüchtigen Präsidenten Eusebio Ayala (1932-1936). Schon seit 1852 hatte Bolivien territoriale Ansprüche auf den paraguayischen Chaco erhoben, aber das Gebiet schien allen Beteiligten derart ungeeignet für jegliche Art von Nutzung, dass die Streitfrage Generationen hindurch ungeregelt in Schwebe blieb. In den zwanziger Jahren gewann jedoch das Gerücht an Boden, der weite, fast gänzlich unerforschte Chaco berge riesige Erdölschätze. Das führe naturgemäß zum kriegerischen Konflikt. Wieder einmal sahen sich die Paraguayer mit einem an Gebietsgröße und militärischem Potential weit überlegenen Gegner konfrontiert; Boliviens Bevölkerungszahl war dreimal so groß wie die eigene, seine von deutschen Offizieren ausgebildeten Streitkräfte wurden zeitweise von dem im Ersten Weltkrieg bekanntgewordenen deutschen General Hans Kundt befehligt.
Die beiden Armeen kämpften drei Jahre erbittert, unter den furchtbarsten Entbehrungen, in der tropisch heißen, als "grüne Hölle" bezeichneten, süßwasserarmen Sumpfsteppe des cht um die befestigte Stellung Boquerón die bolivianischen Elitetruppen. Im Dezember 1933 verloren die Boliviander durch die Kämpfe bei Centeno mit 4000 Toten und 8000 Gefangenen fast die Hälfte ihrer damals eingesetzten Truppen. Der bolivianische General Toro beschwor seine Soldaten in einem gedruckten Aufruf, sich die Ausdauer und Tapferkeit der Paraguayer zum Muster zu nehmen.
* Insgesamt verloren 50000 Paraguayer und 80000 Bolivianer in diesem Kriege ihr Leben, über die Zahl der verkrüppelt oder siech nach Hause Zurückgekehrten fehlt es an Angaben. In dem ungleichen Kampf blieb entgegen den voraussagen bei Kriegsausbruch das kleine, schwächere Paraguay unbestrittener Sieger; der weitaus größte Teil des vorher von beiden Ländern beanspruchten Chacos wurde im Friedensvertrag definitiv als paraguayisches Gebiet anerkannt. Wirtschaftlich freilich erwies sich dieser Erfolg, wenigstens auf den ersten Blick, als Pyrrhussieg; denn dem noch immer stark durch den Tripleallianzkrieg mitgenommenen Land bot der nun gesicherte Besitz des nahezu unbewohnten und auf übersehbare Zukunft gänzlich nutzlosen Salzsumpflandes schwerlich einein Ausgleich für den furchtbaren Blutverlust und die hohen Kriegskosten. Die Hoffnung drauf Erdölfunde scheint zu trügen, wenigstens erklärte bisher die Standard Oil, der die Konzession erteilt wurde, alle Bohrversuche seien ergebnislos geblieben. Hätten die Paraguayer sich jedoch trotz gut fundierter Rechtstitel den Chaco von Bolivien ohne Gegenwehr entreißen lassen, sie wären als verteidigungsbereite, souveräne Nation unglaubwürdig geworden. Das aber konnte sich ein Volk nicht leisten, welches seit jeher seine Unabhängigkeit latent von zwei übermächtigen Nachbarn bedroht glaubt.
Auf paraguayischer Seite sind zwei im Chacokrieg rühmlich bekanntgewordene Offiziere zu nennen, beides künftige Präsidenten:
- der Oberbefehlshaber, General Estigarribia, bei Kriegsausbruch Oberstleutnant, 1939 zum Staatspräsidenten gewählt, jedoch bereits 13 Monate später zusammen mit seiner Ehefrau durch Flugzeugunfall ums Leben gekommen, posthum zum paraguayischen Marschall befördert;
- der seit 1954 als Staatspräsident amtierende General Stroessner, im Kriege - damals noch als Subaltern-Offizier - Gegenstand einer amtlichen Verlautbarung des paraguayischen Oberkommandos, die seine Tapferkeit vor dem feind und seine militärische Leistung hervorhob.
* Eine paraguayische Einheit griff beispielsweise, obwohl ohne einen Schuss Munition, im unübersichtlichen Sumpfgelände nur mit dem Bajonett ein voll ausgerüstetes bolivianisches Regiment an und machte es - freilich unter furchtbaren eigenen Verlusten - vollständig nieder.
Chacokrieg

Oberstleutnant Hans Kundt


Kundt, Hans, General und bolivianischer Heerführer (genannt "Der weiße Kondor")*1869, Neustredlitz - +1939, Schweiz).
Chacokrieg
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