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Kriegsstammrolle/Wehrstammrolle

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AutorBeitrag

STP


16.7.02 14:55:06
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Hallo liebe Leser,
ich habe mal wieder eine paar Fragen, diesmal zu dem Thema Kriegsstammrolle (Eintrag ins Soldbuch Kr.St.Nr.). Nachdem ich erfahren hatte, was die Abkürzung bedeutet, stellten sich bei mir folgende Fragen:
1.) Könnte mir vielleicht jemand sagen, was eine Kriegsstammrolle ist ?
2.) Gibt es einen Unterschied zur Wehrstammrolle ?
3.) Ist es möglich, dass in die Kriegsstammrolle Eintragungen vorgenommen werden, die sonst nirgendwo erscheinen ?
4.) Wer führt eine Kriegsstammrolle ?
5.) Wo werden evtl. heute Kriegsstammrollen aufbewahrt bzw. archiviert; sind sie öffentlich zugänglich ?
Im Soldbuch meines Opas steht unter "Nr. der Stammrolle":
581/80/XI/40.
Ich kann dies nur soweit entziffern, als
581 = Nr. der Erkennungsmarke
80 = nicht bekannt
XI = Wehrkreis XI = Hannover/Hamburg = Eintritt Flakkaserne Rendburg
40 = Eintritt in die Luftwaffe (hier: 01.09.1940)
Ein weiter Eintrag besagt:
Kr.-St.-Nr. 828
6.) Könnte mir vielleicht jemand sagen, was dies zu bedeuten hat ?
7.) Wo werden Wehrstammrollen aufbewahrt und kann man sie heute noch einsehen ?
Mfg STP

Jörg Wurdack


16.7.02 20:00:04
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Zu Frage:
1. und 4. Die Kriegsstammrolle wurde von den Feldtruppenteilen geführt. Sie war genauso wie die Wehrstammrolle eine Art Grundliste, ein Gesamtverzeichnis. Während die Wehrstammrolle prinzipiell vor allem der Erfassung der Wehrpflichtigen diente, war die Kriegsstammrolle die Personalliste der Truppenteile (allerdings meist als Einzelblatt pro Soldat und nicht mehr in Listenform geführt).
2. Die Kriegsstammrolle enthielt lediglich die wichtigsten Personalangaben und die Daten, die während der Zugehörigkeit zur Feldeinheit neu hinzukamen, z.B. Beförderungen. Die Kriegsstammrolle enthielt also noch nicht einmal alle Daten, die im Wehrpaß nachgewiesen waren (z.B. Versetzungen, die vor der aktuellen Verwendung) lagen. Bei Versetzung zu einer anderen Einheit wurde das Kriegsstammrollenblatt des betreffenden Soldaten abgeschlossen und der Wehrersatzdienststelle übersandt. Die den Soldaten aufnehmende Einheit legte dann eine neue Kriegsstammrolle an.
3. Normalerweise ist eher der umgekehrte Fall anzunehmen: Im Wehrpaß oder anderen Personalunterlagen erscheinen Einträge, die in der Kriegsstammrolle nicht aufgenommen sind.
4. Die abgeschlossenen Kriegsstammrollenblätter waren in den Wehrstammbüchern aufzubewahren. Wehrstammbücher und - wenn noch vorhanden – die dort einliegenden Kriegsstammrollenblätter dürften mit Masse beim Bundesarchiv – Zentralnachweisstelle – in Aachen liegen. Allerdings liegen dort vor allem Unterlagen aus dem Gebiet der Bundesrepublik (alt) mit unterschiedlicher Gewichtung der einzelnen früheren Wehrkreise.
6. Normalerweise wurde als Stammrollennummer die sog. Wehrnummer verwendet, z.B.:
Aachen 17/9/3/6
Aachen – Namen des Wehrbezirkskommandos
17 – Endziffern des Geburtsjahrgangs
9 – Nummer der polizeilichen Meldebehörde
3 – Blattnummer der Wehrstammrolle
6 – Zahl, unter der der Dienstpflichtige in der Wehrstammrolle eingetragen war.
Die Nr. „581/80/XI/40“ paßt nicht in dieses Schema, möglicherweise verwendete die Luftwaffe ein internes abweichendes System, das allerdings erst nach Einstellung des Soldaten zu einer Luftwaffeneinheit und nur zusätzlich zu der Wehrnummer greifen konnte. Ich glaube allerdings nicht, daß 581 die Erkennungsmarken-Nr. ist, denn diese Nr. macht ja nur Sinn mit der dazugehörigen ausstellenden Einheit.
Rendsburg lag übrigens nicht im Wehrkreis XI, sondern im Wehrkreis X (Hamburg). Wenn überhaupt, dann kann man sagen, daß Rendsburg im Luftgau XI lag. Allerdings hatte die Luftgau-Einteilung überhaupt nichts mit der Wehrerfassung oder dem Personalersatzwesen der Wehrmacht zu tun, sondern war eine rein organisatorische Einteilung der Luftwaffe für Führungszwecke. Das gesamte Erfassungs- und Personalersatzgeschäft wurde von den Wehrkreiskommandos / Wehrersatzinspektionen / Wehrbezirkskommandos des Heeres als Pilotfunktion in der sog. „Wehrmachtszuständigkeit“ für alle drei Wehrmachtsteile wahrgenommen.
Kr.St.Nr. ist die laufende Nummer in der Kriegsstammrolle der betreffenden Einheit.
7. Wehrstammrollen liegen entweder bei der WASt. oder in der Zentralnachweisstelle in Aachen. Da die Wehrstammrolle bei der Erfassung der Wehrpflichtigen in vierfacher Ausfertigung durch die jeweilige Ortspolizeibehörde / Meldebehörde angelegt wurde, von der die grüne Ausfertigung an die Kreispolizeibehörde ging und die braune Ausfertigung bei der Ortspolizeibehörde verblieb, ist es auch möglich, daß bei den aus diesen Polizeibehörden entstandenen Einwohnermeldeämtern noch heute Ausfertigungen der Wehrstammrolle liegen. Das wäre also das Einwohnermeldeamt der Gemeinde, bei der Ihr Opa zum Zeitpunkt des Aufrufs seines Geburtsjahrganges wohnhaft war.
Quelle:
Absolon, Rudolf: Wehrgesetz und Wehrdienst 1935 - 1945. Das Personalwesen in der Wehrmacht. (= Schriften des Bundesarchivs, Bd. 5) Boppard 1960. S. 362 ff.
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