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Terroristische Kriege

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Quintus


22.2.03 07:49:24
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Terroristische Kriege
Von Sven Reichardt

Der Krieg, den sich Carl von Clausewitz noch vorgestellt hat, ist vorüber. Auch Die Haager und Genfer Kriegsrechtskonventionen finden seit 1945 immer weniger Beachtung. Beides spiegelt sich auf indirekte Art und Weise im Terroranschlag vom 11. September. Dieser kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern hat seine Vorgeschichte.
Die gründlichste und kritischste Analyse der Veränderung des Krieges verdanken wir dem israelischen Militärhistoriker Martin van Creveld, der den Aufschwung des nach-clausewitzianischen Krieges seit dem Ende des zweiten Weltkriegs und besonders seit dem Ende des Kalten Krieges analysiert hat. Der Krieg, so Creveld, sei nicht mehr Mittel zum politischen Zweck, nicht mehr ultima ratio der Politik und nicht mehr von Interessen geleitet. Ebenso zum Ende gekommen ist der trinitarische Krieg mit der klaren Unterscheidung von Staat, Volk und Armee - also der klassisch zwischenstaatliche Krieg. Kleine Kriege gegen Kolonial- oder Besatzungsmächte, die vermehrt in der Form ethnisch motivierter Konflikte auftraten, sind seit 1945 die wichtigste Kriegsform - besonders in Afrika und Asien. Die Ära der Kriege zwischen Staaten, die nach dem ausdifferenzierten Kriegsrecht und Kriegsvölkerrecht geführt werden (als dessen wichtigste Regel galt, nur die Streitkräfte des Gegners als legitimes Ziel militärischer Handlungen anzusehen) sind scheinbar fast gänzlich vorbei.
Entsprechend lässt sich eine Verwischung der Grenzen zwischen Zivilisten und Kombattanten, zwischen politischer Gewalt und gewöhnlicher Gewaltkriminalität, zwischen Staaten und nichtstaatlichen Akteuren beobachten, die ein Kernmerkmal des sog. "low intensity conflicts" (LIC) ist. Man denke an klassische Befreiungsbewegungen, Guerillaorganisationen, "private military companies" oder "private armies". Van Creveld prognostizierte schon 1989/90, dass dieser LIC in Zukunft nicht auf die sogenannten Entwicklungsländer begrenzt bleiben wird. Er hielt die Annahme von der geographischen Begrenzung dieser Kriege schon 1991 für eine - wörtlich - "große Illusion" und erwartete ihre globale Ausbreitung. Historisch gesehen wird die Mehrzahl der Kriege schon seit 1945 nicht zwischen Staaten, sondern zwischen Staaten und nichtstaatlichen Akteuren geführt. Von den 160 bewaffneten Konflikten zwischen 1945 und 1990 waren etwa drei Viertel LIC.
Die Grenze zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten ist zunehmend in den LIC verwischt worden. Etwa durch die gezielten Luftangriffe auf Banken, Fabriken, Geschäfte aber auch kulturell und historisch wertvolle Objekte. Deshalb sind die LIC auch enorm blutige Kriege. Man schätzt die Gesamtzahl der Toten dieser LIC's auf 20 Millionen oder mehr.
Die Grenze zwischen Kombattanten und Zivilisten ist historisch gesehen wohl erstmals im Ersten Weltkrieg verletzt worden und dann vor allem im Zweiten Weltkrieg enorm erweitert worden - man denke nur an die Stadtbombardements und die Atombombenabwürfe Die Verlagerung von Kampfhandlungen in die Städte hinein ist also schon viel älter und die Frage wurde angesichts dieser Entgrenzung von Kriegszielen immer drängender, was überhaupt noch als legitimes Ziel anzusehen ist. Dies beendet eine Phase des durch die Haager und Genfer Konventionen geregelten Krieges, wo geregelt wurde, dass: 1. Zivilisten Immunität gegen Angriffe genießen; 2. es verboten ist Zivilisten als Geiseln zu nehmen; 3. Regeln für gefangene Soldaten beschlossen sind; 4. keine Racheakte gegen Zivilisten erfolgen dürfen; 5. die Rechte von Bürgern neutraler Staaten anerkannt werden und 6. die Unverletzlichkeit von Diplomaten gewährleistet ist.
Krieg und Terrorismus werden immer ähnlicher, da der Krieg seine Regeln verliert und durch seine Entgrenzung eben manchmal nicht mehr vom Terrorismus zu unterscheiden ist. Terrorismus ist insofern eine Form dessen, was van Creveld "low intensity war" oder Mary Kaldor Neue Kriege nennt.
Wichtig ist nun doch der Zusammenhang zwischen entgrenztem Terrorismus und dem Ende des Kalten Krieges. Denn nicht zufällig seit 1990 boomt der zellulär aufgebaute und globalisierte Terrorismus. Alte, hierarchisch festgefügte Strukturen sind passè. Der neue Terrorismus ist locker und netzwerkartig geknüpft. Entsprechend hat sich die Anzahl der einzelnen Organisationen vervielfacht. Von 11 im Jahre 1968 auf 80 Organisationen Anfang der 90er Jahre. Seit dem Endes des Kalten Krieges hat sich der "bodycount" der Terrorismus deutlich erhöht, da dadurch mediale Aufmerksamkeit und Schockwirkung auszulösen ist. Das war in den 70er/80er Jahren noch anders. Die internationale Vernetzung des Terrorismus gibt es gewiss schon seit den 60er Jahren. Aber Bin Ladens Organisation ist mit seinen Kontakten und Unterstützern in mindestens 40 Ländern einsame Spitze. Das hängt auch mit dem globalen Kampfgebiet des neuen Terrorismus zusammen. Man schlägt nicht nur auf dem beanspruchten Gebieten und Ländern zu, die man politisch niederringen will. Dieser Trend hat sich seit den neunziger Jahren verstärkt. Die Hamas ist insofern eher traditioneller Terrorismus, weil sie ihre Anschläge primär auf die Regionen des Nahen Ostens begrenzen, während Osama bin Laden ein typischer Vertreter des radikalisierten Terrorismus der 90er Jahre darstellt. Währen in den achtziger Jahren ein bestimmter ideologischer Rahmen für den Terrorismus wichtig war und die Anschläge selektiver waren (sie galten öfter Einzelpersonen), so verzeichnet man in den neunziger Jahre immer mehr Amateurterroristen und ein größeres Ausmaß der Anschläge. Der Terrorismus der neunziger Jahre besteht aus hoch motivierten Leuten, bedient sich moderner Technik, ist fähig zu logistischen Meisterleistungen.
Terrorismus und entgrenzter Krieg sind während des Kalten Krieges in Afrika uns Asien gezüchtet worden. Die schreckliche Entgrenzung des Krieges ist ein Ergebnis eines höchst heißen Krieges, der nicht selten stellvertretend für die militärischen, strategischen und ökonomischen Supermächte durch private Gewaltarmeen durchgeführt wurde. Man züchtete quasi den Terrorismus. Nach dem Kalten Krieg hinterließen die Supermächte freigesetzte Gewaltökonomien. Nun richtet sich der Krieg mit schrecklichen Methoden zurück auf die einzig verbliebene Supermacht USA. Auch der Terrorismus des 11. September hat seine brutale Vorgeschichte und seine historischen Prägungen.
Quelle: Nachrichtendienst für Historiker

waldi44


22.2.03 12:50:37
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Tja, aber was nun? Geschichte ist passiert, die lässt sich so schnell nicht ändern, die Terroristen aber wollen nicht mehr warten!
Müssen erst die Terroristen vernichtet werden und dann die Politik überdacht werden oder erst die Politik überdacht und geändert werden, während zwischenzeitlich die Terroristen weiter bomben?
Tja und dann, wer glaubt schon daran, dass Staaten wie Israel ihre Politik gegenüber den Palästinensern ändern werden - oder umgekehrt?
Kann es aber nicht auch sein, dass solche Schweinepriester wie Bin Laden die Konflikte in der Welt ganz einfach für ihre eigenen Ziele ausnutzen, zB zum Aufruf zum heiligen Krieg?
Auf Kosten anderer, unschuldiger, sichert sich dieser Mörderhäuptling einen Platz in SEINEM Himmel!
Schweinepriester und Mörderhäuptling mag manchen etwas krass gewählt zu sein, aber ich finde die Bezeichnung treffend! Allerdings gab es in der Geschichte schon genug Schweinepriester und Mörderhäuptlinge, die ruck zuck Salonfähig wurden, weil man sie für dann doch irgendwie für nützlich befand !
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