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KZ-Kommandant Erwin Dold

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AutorBeitrag

Quintus


3.5.05 05:50:56
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Aus der Badischen Zeitung 30.04.05


"Ich wollte, dass sie leben"

Er rettete Tausenden das Leben.
Die unglaubliche Geschichte des KZ-Kommandanten Erwin Dold



Es war das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte: Die Vernichtungsmaschinerie der Nazi-Konzentrationslager. Viele, die als Täter mit dabei waren, beriefen sich später auf "Befehlsnotstand". Das Beispiel Erwin Dolds zeigt, dass es möglich war, gegen den Massenmord zu arbeiten, auch an verantwortlicher Stelle. Erwin Dold aus Buchenbach, heute 85 Jahre alt, hat in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs mindestens tausend Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt - mit Täuschung, List und Tücke, unter Einsatz seines Lebens. Aus gegebenem Anlass erzählen wir hier erneut seine Geschichte.

Dautmergen liegt auf halbem Weg zwischen Balingen und Rottweil. Ein kleines Dorf am Rande der Schwäbischen Alb. Die Alten erinnern sich noch an die Endphase des Krieges, als am Ortsrand ein 20.000-Quadratmeter-Areal, durch übermannshohe Stacheldrahtverhaue abgeschirmt, zur letzten Leidensstation für Tausende geriet, die aus vielen Ländern Europas hierher verschleppt wurden.

Im Sommer 1944 ordnet Hitlers Reichsregierung nach dem Verlust der strategisch wichtigen rumänischen Ölfelder bei Ploesti die forcierte Ausbeutung des Ölschiefers am Albrand an. Erdöl, Treibstoff für die großdeutsche Kriegsmaschine, wird dringender denn je benötigt. Die Gestapo befiehlt dem Kommandanten des elsässischen Konzentrationslagers Natz-weiler, Hartenstein, die Einrichtung von zwei Dutzend KZ-Kommandos im Gebiet der schwäbischen Ölschiefervorkommen. Württembergs Gestapo-Chef Musgay lässt geeignete Grundstücke beschlagnahmen. Die für Wehrmachtsbauten zuständige paramilitärische "Organisation Todt" stampft innerhalb weniger Tage Stacheldrahtzäune, Wachttürme und Notunterkünfte aus dem Boden.

Als die ersten Häftlingstransporte anrollen, rücken die OT-Kommandos ab. Die Gefangenen müssen im Freien, auf der vom Regen aufgeweichten Erde schlafen. Es ist nachts eiskalt. Decken und Matratzen, Küchen und sanitäre Anlagen fehlen. Bald grassieren Tuberkulose und Fleckfieber, Typhus und tödliche Erkältungskrankheiten. Von 50 000 Menschen, die zwischen Spätsommer 1944 und Kriegsende in jene Lager deportiert wurden, stirbt mindestens die Hälfte.

Tausende verhungern, weil ihre Bewacher selbst die geringen Lebensmittelzuteilungen unterschlagen, die den Häftlingen nach dem Reglement des Unrechts zustehen. Tausende erfrieren, weil sie keine Leibwäsche, Mäntel und Strümpfe erhalten und im harten Winter in Ermangelung von Schuhen die Füße in Lappen und Papiersäcke wickeln müssen. Andere sterben durch Willkür und Gewalt. In einem Lager, im KZ Schörzingen, werden als "Weihnachtsüberraschung" am 24. Dezember 1944 die Russen Oleinez und Tur exekutiert; die angetretenen Gefangenen müssen angesichts der Galgen Weihnachtslieder singen. Einige SS-Männer singen lächelnd mit.

Auf welchen Umwegen wird der Nicht-Parteigenosse Erwin Dold KZ-Chef in Dautmergen? "Im Herbst '43 wurde ich auf der Krim als Jagdflieger abgeschossen", erzählt der heute 85-Jährige.

"Monatelang hat man mich in verschiedenen Lazaretten, zunächst in Rumänien, später in Ostdeutschland, behandelt und schließlich, nahezu dienstunfähig, zum Fliegerhorst Freiburg versetzt. Ich war nun wieder in der Nähe meines Heimatdorfs Buchenbach und freute mich auf die Entlassung." Da erreicht ihn 1944 ein Papier, das seinem Leben eine Wende geben wird: der Stellungsbefehl zum "Industriewachkommando Haslach im Kinzigtal".

"Ich konnte mir darunter nichts vorstellen. Haslach war ein Arbeits-KZ. Bis dahin hatte ich von der Existenz solcher Lager keine Notiz genommen. Und auch bei uns zu Hause, in der kinderreichen Familie, die ein kleines Sägewerk und eine Gastwirtschaft betrieb, war davon nie die Rede gewesen. Den Augenblick, in dem ich den Haslacher Kommandobezirk betrat, werde ich niemals vergessen. Schmutzige, halb verhungerte, von Ausschlägen und Misshandlungen entstellte Menschen starrten mich angstvoll an. Nicht zwei oder drei Menschen lebten hier in größter Not, sondern Tausende, und täglich kamen neue dazu."

Der damals 24 Jahre alte Dold fasst seinen Entschluss schon in dieser ersten Minute. "Meine Eltern haben mich im katholischen Glauben erzogen und in der Überzeugung, dass man anderen helfen muß. Aber hier nützte es wenig, dem einen oder anderen zu helfen. Hier musste man sich identifizieren mit allen; ich musste für alle denken und handeln, musste ein wenig einer von denen werden." Dold sieht das unpathetisch, ganz praktisch. "Man musste für Essen, Kleidung, Arzneien sorgen. Ob sie nun Staatsfeinde oder angebliche Volksschädlinge waren: Ich wollte, dass sie leben."

Im Herbst 1944 wird der junge Feldwebel von Haslach wegkommandiert. Man macht Dold zum Chef des KZ-Lagers Dautmergen. Tage zuvor hat dort der SS-Unterscharführer Kruth den polnischen Juden Mirka auf dem Marsch zur Arbeit erschossen, weil der hungernde Mann am Straßenrand Falläpfel aufhob. Dold erinnert sich an seine Ankunft: "Das Lager befand sich auf einer Sumpfwiese. Die Baracken hatten keinen Boden."
Die tägliche Totenzahl liegt bei 40 bis 50. Von einem Transport von 1000 Rigaer Juden beispielsweise überleben den Krieg acht, von 80 Norwegern 30. Der norwegische KZ-Häftling Alf Knudsen, der seit 1942 mehr als zwei Dutzend Gefängnisse und Lager durchlaufen hatte, sagt 1946 im Rastatter Kriegsverbrecherprozess vor französischen Richtern als Zeuge aus: "Dautmergen, das war die Hölle, unvergleichlich mit irgendeinem anderen Ort. Bis Erwin Dold kam."

Der polnische Jude Tubiaszewicz erinnert sich 1945 vor dem französischen Kriegsverbrechergericht an die erste Begegnung: "Ich war im Krankenrevier. Das war für Juden verboten. Dold kam herein, ich sprang von der Pritsche auf und stand zitternd vor ihm. Er hatte die Macht, mich totzuschlagen. Ich flehte ihn an. Da legte er die Hand auf meine Schulter und sagte, ,Warum haben Sie Angst? Sie sind krank, und Sie sind kein anderer Mensch als ich.' Ich werde diese Worte nie vergessen. Erwin Dold wurde uns vom Himmel gesandt."

KZ-Chef Dold belässt es nicht bei Worten. Um den entkräfteten und halb verhungerten 2000 Dautmergener Gefangenen wenigstens für eine kurze Zeit die schwere Arbeit in den Ölschieferbrüchen zu ersparen, verhängt er über das gesamte Lager Seuchenquarantäne, gegen den Widerstand der SS. "Das gab Ärger, bis nach Berlin. Doch wir beschafften Baumaterial und verbesserten die Baracken und sanitären Anlagen. Ohne Tricks und Zwecklügen wäre das nicht möglich gewesen."

Für die "nicht behandlungsbedürftigen" jüdischen Häftlinge sowie für die nicht mehr behandlungsfähig erscheinenden KZ-Insassen gab es im Lager eine Sterbebaracke, die in der Sprache der SS Schonungsblock hieß. Den Todgeweihten, die in diesen Block verlegt werden, nahm man die Kleidung. Nackt, auf der kalten Erde, von Geschwüren und Ungeziefer bedeckt, warteten sie auf das Ende. Nur wenige Bewacher betraten diese Stätte des Grauens - um den Toten und Sterbenden die Goldzähne aus dem Mund brechen zu lassen. Dold, entsetzt, befiehlt die Räumung des Blocks. Da im Krankenrevier nur ein deportierter polnischer Medizinprofessor arbeitet, ordnet der KZ-Chef zusätzlich den Einsatz deutscher Zivilärzte an. Vorgeschobene Begründung: Die Gefangenen müssen für Deutschlands Endsieg arbeiten und gesund sein.

Die Gefangenen leiden Hunger. Dold stellt sich selbst dringende Fahrbefehle aus, organisiert Benzin und einen Lkw. "Wir fuhren regelmäßig bei Nacht und Nebel über den Schwarzwald nach Südbaden, in meine Heimat, um Kartoffeln, Mehl und einmal eine geschlachtete Sau auf dem schwarzen Markt zu beschaffen. Das Geld dafür gab mir mein Vater. Er nannte mir auch Bekannte und Freunde, bei denen ich vorsprechen sollte. Mein Vater wies mir auch die Schleichwege, auf denen ich um die Kontrollen herumkam." Dold hat bei jenen Nachtfahrten nur ein paar KZ-Gefangene dabei. "Es waren immer dieselben fünf oder sechs Vertrauenswürdigen. Ich gab ihnen Wehrmachtsmäntel. Trotzdem sahen sie so jämmerlich und verhungert aus, dass die Bauern Mitleid hatten und bereitwillig Lebensmittel an uns verkauften, obwohl das unter Strafe stand." Der KZ-Chef von Dautmergen riskiert jeden Tag das eigene Leben, leistet sich Verstöße gegen Kriegsgesetze, von denen jeder einzelne in zahllosen anderen Fällen zu Todesurteilen geführt hat. "Wenn wir bei den Beschaffungsfahrten in eine unüberschaubare Situation kamen, dann habe ich eben den harten KZ-Chef gemimt. Dies klappte immer." Wenn es nur ein einmal nicht gewirkt hätte - dem 24-Jährigen wäre der Galgen sicher gewesen.

Einmal ist es beinahe soweit. Dold hat in der Nähe von Dautmergen illegal Schlachtrinder bei Großbauern gekauft. "Mein Problem war - wie in vielen ähnlichen Situationen -' dass für die Lagerbewachung ein Kommando zuständig war, dem ich überhaupt nichts zu sagen hatte. Also wie sollte ich die Kühe in die Küche bekommen? Da bin ich eben nachts in mein Büro gerannt, habe den Luftschutzalarmknopf gedrückt, damit das Wachkommando die Scheinwerfer löschen musste, und dann habe ich mit ein paar Gefangenen die Tiere hereingeholt, die wir zuvor in einem Wäldchen in der Nähe ,abgestellt' hatten."

Als Tage später die Polizei, von einem unbekannten Denunzianten alarmiert, anrückt, um wegen "Schwarzschlachtung" zu ermitteln, bleibt Dold kaltblütig. Er lässt den verantwortlichen Polizeibeamten zu sich kommen und bedroht ihn, ohne lange zu zögern, mit der Erschießung. Aus dem Munde eines KZ-Führers ist so eine Drohung im Winter 1944/45 ohne Zweifel ernst zu nehmen. Die Polizei lässt sich von da an im Lager Dautmergen nicht mehr blicken.

Im April 1945 werden die Lager im Raum Balingen/Rottweil von den anrückenden Alliierten geräumt. SS-Kommandos sollen die Überlebenden in Eilmärschen in Richtung der "Alpenfestung" nach Südosten treiben. Dold weiß, dass die Elendsgestalten, die sich nun zu kilometerlangen Marschsäulen formieren, für ihre Treiber nur lästige Zeugen sind. Er verteilt die restlichen Lebensmittel an die Gefangenen; "es reichte gerade für zwölf Kartoffeln und ein Brot pro Mann". Dann lässt er an
einem Bahnhof am Weg gegen den Protest der SS einen "herumstehenden" Eisenbahnwaggon aufbrechen und seinen Inhalt als Zusatzproviant ausgeben - Schokolade und Zigaretten. Er fährt auf dem Motorrad der Kolonne voran, versucht Quartier zu machen und Lebensmittel zu organisieren.

Dold weiß nicht, dass die SS inzwischen jeden Häftling erschießt, der Schokolade und Zigaretten bei Passanten gegen Nahrungsmittel einzutauschen versucht. Er weiß nicht, dass jeder, der entkräftet zu Boden sinkt, auf der Stelle umgebracht wird. Und er erfährt erst viel später, dass die Häftlinge aus Dautmergen nach fünf Tagen von der französischen Armee aufgespürt und endlich befreit werden. Dold selbst stellt sich der französischen Besatzungsmacht. Im Herbst 1946 wird er, zusammengekettet mit 49 Massenmördern, Folterern und Schreibtischtätern, als "Angeklagter Nr. 41" vor das französische Militärtribunal in Rastatt gestellt. Es kommt zu Auftritten, die in der Geschichte der Kriegsverbrecherprozesse ohnegleichen sind: Weinend bitten die Befreiten von Dautmergen um Leben und Freiheit für ihren KZ-Kommandanten. Als ein jüdischer Greis den Segen des Himmels für "diesen Mann, seine Kinder und Kindeskinder" erfleht, bricht einer der Richter in Tränen aus.

Am 17. Januar 1947 wird der Angeklagte Nr. 41 aus der Untersuchungshaft entlassen. Am 1. Februar verkündet der Vorsitzende des Tribunals, Jean Ausset, 21 Todesurteile und hohe Haft- und Zwangsarbeitsstrafen. Erwin Dold wird als einziger KZ-Chef des "Dritten Reiches" freigesprochen: wegen erwiesener Unschuld.

Ronny22


3.5.05 14:46:50
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Beeindruckend!!!

Aber wurde Erwin Dold dann auch von der Luftwaffe zur SS überstellt??? Das wird im Text nicht klar und als SS-Offizier hätte er doch sicher weitreichendere Vollmachten gehabt.

Aber warum durfte ein Feldwebel so ein Lager führen??? Ist der Rang nicht viel zu niedrig???
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