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USA betrieben Anfang der 50er Experimente mit radioaktiven Calcium an Kindern

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AutorBeitrag

TheBlackman


10.3.2006 15:37:45
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Kindsmisshandlungen in US-amerikanischem Kinderheim

Auch Amerika hat seinen «Archipel Gulag». Bekannt gemacht hat den Skandal ein neu erschienenes Buch von Michael D'Antonio mit dem Titel «The State Boys Rebellion». Dort beschreibt der Schriftsteller und Pulitzerpreis-Gewinner im Detail das Schicksal von Fred Boyce und von Hunderten anderer Kinder, die zu Idioten abgestempelt, in den 50er und 60er Jahren in der staatlichen Fernald-Schule für Schwachsinnige in Waltham, Massachusets, weggesperrt, schwer misshandelt und für eugenische Experimente missbraucht wurden.

rh. Freds Schicksal ist dabei typisch für das der anderen dort festgehaltenen Kinder. Als er acht Jahre alt war, wurde er - nachdem er jahrelang vernachlässigt und in vielen Pflegefamilien gelebt hatte - zum Schwachsinnigen erklärt und elf Jahre lang in die vom US-amerikanischen Staat unterhaltene sogenannte «Schule» von Fernald eingesperrt. Die Schrecken, die er dort erlebte, vergleicht der Autor mit denen des Abu-Ghraib-Gefängnisses im Irak: An der «Fernald» wurden Boyce und Hunderte anderer Kinder und Jugendlicher systematischer physischer, sexueller und emotionaler Misshandlung ausgesetzt, körperlicher Folter, sexueller Demütigung, Isolationshaft, Androhung von Elektroschock«therapie» und Lobotomie.1 Ausserdem wurde ihnen unaufhörlich mit der lebenslangen Unterbringung in einer Irrenanstalt gedroht, wenn sie nicht gehorchten. Die Insassen mussten in Sklavenarbeit ihr Essen und ihre Kleidung und andere nützliche Produkte selbst herstellen. Die meisten dieser Kinder waren aber durchaus normal intelligent. Trotzdem haben sie an dieser «Schule» kaum etwas gelernt.

Als Boyce 1960 mit 19 Jahren «entlassen» wurde, konnte er weder lesen noch schreiben. Der Titel des Buches von D'Antonio bezieht sich auf die Rebellion einer kleinen Gruppe von Jugendlichen an der «Fernald», die versuchten, sich gegen die unmenschlichen «Haft»bedingungen zu wehren. Die Revolte brachte den Kindern allerdings keine Erleichterung. Sie wurden nur noch drastischer bestraft, und einige wurden in das Bridgewater State Hospital für wahnsinnige Kriminelle eingesperrt.

Die Kinder und Jugendlichen an der «Fernald» waren aber nie kriminell gewesen. Sie waren nur schwer vernachlässigte und missbrauchte Kinder in ihren eigenen Elternhäusern oder in Pflegefamilien gewesen, bevor die Gesellschaft sie wegsperrte. Dabei ging es dem Staat nicht nur darum, Kosten zu sparen, die eine wirkliche Hilfe für diese Kinder erfordert hätte. Der noch grössere Skandal besteht darin, dass diese Handlungsweise des Staates im Zusammenhang mit der damals populären amerikanischen Eugenik-Bewegung steht. Man wollte so verhindern, dass sich Menschen, die man als Schwachsinnige abgestempelt hatte, fortpflanzen würden, weil das die amerikanische Gesellschaft schwächen würde!

Dieser Skandal an der Fernald-Schule wird nur noch von einem weiteren übertroffen. Die Vorgänge an der «Fernald» wären nämlich wahrscheinlich nie ans Licht gekommen, wenn nicht eine Untersuchung durch eine Regierungskommission ein noch schlimmeres Verbrechen an eben dieser «Schule» zutage gefördert hätte: Die dort eingesperrten Kinder waren für nichttherapeutische Experimente mit radioaktiv verseuchten Lebensmitteln, gesponsert von «Quaker Oats» und dem «Institute of Technology» von Massachusetts missbraucht worden. Die Jungen selbst und ihre Eltern hatten keine Ahnung, was mit ihnen geschah. Den Jungen wurde vorgemacht, dass sie Mitglieder eines wissenschaftlichen Clubs wären und dafür besonderes Vorzugsessen erhalten würden. Ausserdem wurden zur Belohnung Ausflüge zu den Red-Sox-Spielen organisiert. Es heisst zwar, dass die Jungen durch diese Experimente keine körperlichen Schäden davongetragen hätten. Doch wofür haben sie dann viele Jahre später Reparationszahlungen in Höhe von je 60000 Dollar erhalten?

Wir müssen annehmen, dass «Fernald» kein Einzelfall war. Im Jahr 1967 waren etwa 270000 Kinder in den Vereinigten Staaten in solchen oder ähnlichen Institutionen untergebracht. 2002 waren es noch 47000, obwohl die Bevölkerung der USA in dieser Zeit um 100 Millionen gewachsen ist. In der Zwischenzeit hatte es aber die Bewegung für Ent-institutionalisierung2 gegeben. Wir wissen natürlich nicht, wie viele «Fernalds» es gegeben hat und wie viele Kinder oder Erwachsene so misshandelt und missbraucht wurden. Inzwischen gibt es in den USA Gesetze, die Menschen vor solchen Forschungsexperimenten schützen.

Fred Boyce lebt heute ein ganz «normales» Leben. Er war die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens als erfolgreicher Unternehmer tätig, mit einer Frau verheiratet, die Abschlüsse von mehreren Universitäten besitzt. Er liest gern und viel. Merkwürdigerweise ist er nicht verbittert, und er hat sogar Verständnis für seine Gefängniswärter. Alles, was er von dem Staat verlangt, der ihn elf entscheidende Jahre seines Lebens eingesperrt und bestraft hat, ist eine Entschuldigung. Und er verlangt, dass in seinen Papieren von damals die Behauptung, dass er schwachsinnig sei, richtiggestellt wird.

Quelle: New England Journal of Medicine vom 2.12.2004

1 Lobotomie: Operative Durchtrennung der Verbindung von linker und rechter Hirnhälfte

2 Bewegung für Entinstitutionalisierung: Bewegung zur Auflösung verschiedener gesellschaftstragender Institutionen im Zuge der 68er Bewegung, die auch zur Öffnung verschiedener geschlossener Einrichtungen in Psychiatrie, Strafvollzug und Jugendbetreuung führte.




Kein Kommentar - aus heutiger Sicht einfach schrecklich, dass derartige Experimente wirklich gemacht wurden.
Aber soweit ich weiß ging man zu dieser Zeit nicht gerade zimperlich mit vermeintlich Behinderten Menschen um. Viele Therapiemethoden die wir heute einfach als Quälerrei und grenzstufig zur Folter bewerten, wurden damals als einziges Mittel gepriesen. Aus meiner Sicht rechfertigt dies aber keinesfalls derartige Maßnahmen, jeder mit ein wenig Menschlichkeit muss doch gewusst haben was er den Kindern damit angetan hat.

Weiß jemand ob es noch weitere vergleichbare Vorfälle gegeben hat ?

Ronny22


6.5.2006 19:14:15
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TheBlackman schrieb:
1 Lobotomie: Operative Durchtrennung der Verbindung von linker und rechter Hirnhälfte


Das ist so nicht ganz richtig, das Vorderhirn oder auch Stirnhirn wird dabei abgetrennt.
Im Stirnhirn sitzt sozusagen die Persönlichkeit eines Menschen, man verändert damit das Verhalten dieser Person.
Ich habe mal einen Fall gesehen bei dem ein äußerst gewalttätiger Mann durch einen Unfall, der die selben Auswirkungen wie eine Lobotomie hatte, danach lammfromm war.
 

wikipedia schrieb:
Die Lobotomie (oft synonym mit Leukotomie verwendet) ist eine neurochirurgische Operation, bei der die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Stirnhirn, sowie Teile der grauen Substanz durchtrennt werden.

Quelle: Wikipedia - Lobotomie

waldi44


22.5.2006 15:31:37
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Weiß jemand ob es noch weitere vergleichbare Vorfälle gegeben hat ?

Ich denke, Vergleichbares bzw Fälle von Menschenversuche wird man, so man sich die Mühe macht, weltweit finden. Es ist weder eine typisch amerikanische Spezialität, noch eine der Nazis und ihren Menschenversuchen.
Meist kommen solche Fälle durch den sogenannten "Enthüllungsjurnalismus"(Sensationsjurnalismus) zu Tage oder durch Beteiligte, denen das Gewissen plagt, seltener durch die Opfer selbst und manchmal eben auch durch die Niederlage des betreffenden Staates, in dem diese Untaten passiert sind. Deutschland zB, die Sowjetunion oder Kambodscha. Wobei es dabei nicht nur um medizinische Experimente, sondern um Menschrechtsverbrechen zT am eigenen Volk allgemein geht.

Allerdings finde ich es schon besonders verwerflich, wenn solche Menschrechtsverletzungen, medizinische Experimente gehören mit dazu, bei den vermeindlichen Hütern von Recht und Freiheit passieren und sich immer wieder wiederholen!
Denken wir nur an die Versuche, die man an den eigenen Soldaten im Zusammenhang mit der Atombombe durchführte oder an den japanern in Hiroschima und Nagasaki!
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