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Kanibalissmus??

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AutorBeitrag

ZensiertWeilZuBloed


22.8.04 23:46:24
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Außer Stalingrad glaube ich nicht, vieleicht irgendwo im Kurland Kessel, oder in der Festung Breslau oder Budapest 44/45.

Aber wie war das eigentlich bei den Alliierten? (einschl.) Sowjet Union?

Hoth


23.8.04 07:19:54
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Das es aufgrund der extremen Situation in Stalingrad zu Einzelfällen von Kannibalismus gekommen sein kann ist zumindest denkbar. Das sich aber ganze Einheiten dermaßen ernährt haben sollen, wie das aus Deinem Posting durchklingt, wohl kaum. Selbst wehrmachtfeindliche Autoren und Historiker die sich mit der Stalingradschlacht befassten, haben nichts dergleichen beschrieben. Zumindest ist mir trotz recht umfangreichem Lesen zu dieser Schlacht nichts darüber bekannt. Daher wäre mal interessant, welchen Arztbericht Du meinst.

Aus Breslau, Budapest oder dem Kurlandkessel sind jedenfalls derartige Gerüchte, denn nur um so etwas handelt es sich ja augenscheinlich hier, nicht bekannt. Diese Kessel waren sicher grundsätzlich unterversorgt, aber keine typ. Hungerkessel.

In Breslau selbst waren genug Vorräte auch der teilweise evakuierten Zivilbevölkerung zurückgeblieben, auch in Budapest gab es zwar einen Notstand an Munition und vor allem Verbandszeug, aber nicht an Nahrungsmitteln und der Kurlandkessel konnte praktisch bis zuletzt immer noch von der Kriegsmarine angelaufen und versorgt werden.

Es gab insb. im Rußland-Feldzug sicher eine ganze Reihe von zeitweise schwierigsten Versorgungs-und Nachschubsituationen, vor allem Winter 1941 oder bei den Rückzugskämpfen der Hgr. Mitte 1944, aber nie wieder eine solche Extremsituation wie in Stalingrad.

Die dt. rückw. Dienste im 2.WK konnten durch die nachschublich gedeckte Truppenversorgung oder durch Versorgung aus dem Lande insgs. eine ausreichende Ernährungssituation sicherstellen.


[ Editiert von Hoth am: 23.08.2004 7:26 ]

[ Editiert von Hoth am: 23.08.2004 7:28 ]

Balsi


23.8.04 07:58:29
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@ Poorboy.. ich werde Deine Beiträge auch nach wie vor löschen... Du weisst warum... Du nutzt die Diskussionen um Andere dann später als Nazis zu beschimpfen... und das lasse ich/wir nicht durchgehen.

Da uns auch mangelndes Durchgreifen anheimgetragen wurde.. lassen wir uns das in diesem Fall nicht vorwerfen und werden nicht so tun als wäre nichts gewesen.

Popski


23.8.04 09:44:53
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ZensiertWeilZuBloed fragte:

Kannibalismus. Außer Stalingrad glaube ich nicht, vieleicht irgendwo im Kurland Kessel, oder in der Festung Breslau oder Budapest 44/45. Aber wie war das eigentlich bei den Alliierten? (einschl.) Sowjet Union?

Westalliierte: Nein. Sowjets: Jein (unter Gefangenen). Japaner: Ja. Deutsche: Ja.

Harrison Evans Salisbury ("The 900 Days: The Siege of Leningrad") legt Kannibalismus (K.) durch die eingeschlossene Bevölkerung von Lenigrad dar. Mehrere Überlebende haben davon Zeugnis auch vor laufender Kamera gegeben (BBC Doku wenn ich much richtig erinnere). Anthony Beevor beschreibt Fälle von K. in Stalingrad durch Landser ("Stalingrad"), aber auch wie sowj. Gefangene vor Hunger starben oder zum K. übergingen (dt. Ausgabe, S. 360 und 401 (wo auch belegt wird, daß dt. Offiziere darüber schockiert waren und Meldung machten, auch in engl. Ausgabe "Even the German army in its most murderous mode in Russia was appallingly sentimental. Appallingly because while the troops were celebrating Christmas in Stalingrad in 1942 - and being terribly sentimental about their camaraderie, loyalty and their families at home - they were busily starving to death Russian prisoners, who were reduced to cannibalism."). Bei Beevor berichtet z.B. der damals 20-jährige Kraftfahrer Johann Scheins über grausige Fälle von Kannibalismus. Sie gehören zu den unerträglichsten Passagen des Buches.

In der Zwischenzeit gibt/gab es einige Landser die von K. in Stalingrad als Augenzeugen berichtet haben (Fersehberichte die auch im dt., nl oder brit. TV gelaufen sind), z.T. auch per "Hörensagen". Siehe z.B. hier ("Zeitzeuge Dengler (Hauptm., m. Zus.) berichtet über die erschreckenden Zustände an der Front: "Kannibalismus unter deutschen Soldaten. Das ist etwas so Schreckliches, das kann man sich gar nicht vorstellen, wie das ist. Meine Leute haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass da ein Zahlmeister erschossen wurde, dass sich Soldaten darüber hergemacht haben und dem Lunge und Leber ausgeschlachtet und aufgegessen haben."):

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/28/0,1872,2029948,00.html

Auch gab es Berichte von Fällen K. unter gefangenen Landsern in Siberien. Bekannt sind auch belegte Fälle von K. unter den Japanern (z.B. Neu Guinea und Philippinen).

Grüße

[ Editiert von Popski am: 23.08.2004 9:46 ]

Hoth


23.8.04 11:07:32
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Wenn Du die russ. Augenzeugenberichte und Quellen und die dt. Hinweise auf K. unter russ. KG so explizit aufführst, verwundert mich das JEIN bei Sowjets. Da scheint die Situation ja wohl eindeutiger zu sein, als bei der Stalingradarmee, ohne jetzt in Krümelpickerei zu verfallen. Das JEIN verwundert aber auf jeden Fall!

waldi44


23.8.04 13:23:10
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Nunja, Kanibalsismus ist nicht nur auf kriegerische Zeiten beschränkt! Sieht man mal von den "Lustfressern" ;) ab, so findet sich der Verzehr von Menschenfleisch bis in die Gegenwart. Schiffbrüchige oder Überlebende von Flugzeugabstürzen haben sich an, in der Regel an toten Mitreisenden "gütlich" getan und selbst zu überleben.
Grundsätzlich verwerfliches finde ich nicht daran, ausser, man ermordet jemanden um ihn zu verspeisen.
Aber auch da soll es Fälle (vielleicht ja nur im Roman?) gegeben haben, in denen gelost wurde, wer zum "Essen bestimmt" wurde!

ZensiertWeilZuBloed


23.8.04 13:39:58
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gegeben haben, in denen gelost wurde, wer zum "Essen bestimmt" wurde!


kenne ich, wurde sogar verfilmt.
Und es war eine wahre begebenheit.

[ Editiert von ZensiertWeilZuBloed am: 23.08.2004 13:43 ]

Petronelli


23.8.04 14:42:46
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Spiderman wurde auch verfilmt!
Dass das manche Menschen im Extremsituationen tun bestimmt!
Aber ich glaube nicht ans absichtliche Abmurksen und Auffressen! In Stalingrad hatte man doch außerdem genug Gegner zum "fressen"!? Warum sollte man dann einen Kameraden lynchen?
Gruß
Peter

ZensiertWeilZuBloed


23.8.04 14:47:07
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Ok...übertrieben.. küssende Smileys

Also zunächst einmal war es eine wahre begebenheit.
Und es geht auch nicht darum ob deutsche deutsche gegessen haben, sondern ob es bei der Wehrmacht Kannibalismus gab, egal ob an Toten gegnerischen Soldaten oder an den eigenen toten.

[ Editiert von ZensiertWeilZuBloed am: 23.08.2004 15:03 ]

Sturm


23.8.04 18:36:24
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Zum Thema Kanibalissmus ,

"Im Auge des Jägers " Seite 19-20 !

Mit freundl. Gruß Wolle .

Petronelli


24.8.04 06:42:24
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Danke, da bin ich gespannt,
das Buch kriege ich demnächst!
Gruß
Peter

Popski


25.8.04 07:34:08
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Ergänzend zu meinem obigen Hinweis sei noch darauf hingewiesen, daß in Carl Schüddekopf, Im Kessel. Erzählen von Stalingrad, München, 2002, drei Hinweise auf Kannibalismus deutscher Truppen erfolgen (Schüddekopf hat Interviews mit Stalingradveteranen geführt. Acht hat er abgedruckt). Der Bericht des bereits bei Beevor erwähnten "Johann Scheins", wird hier in seiner Gänze aufgeführt. Scheins berichtet z.B. davon, daß er kuz nach seiner Gefangennahme nach den Stalingradkämpfen bei Ankunft in einem Gefangenlager von rumänischen Gefangenen "Kamelfleisch" angeboten kam (als Tauschgeschäft). Beschreibt die Zubereitung und seinen eigenen Verzehr dessen. Später fand er heraus, daß österrreichische Gefangene das Fleisch "besorgt" hatten, war Zeuge wie diese von einem Menschen einen Arm abgedreht hatten: "Den hatten sie abgedreht von einem Toten und den haben sie da geröstet und gefressen". Weiter, daß er sie dann selbst so versorgt hat und gab den Hinweis, daß das Fleisch der unteren Partien (z.B. "der Arschbacken" am besten war. Ein Hinweis übrigens den andere Veteranen ebenfalls gaben. Als die Sowjets dies herausfanden hatten sie es versucht zu unterbinden, da sie der Überzeugung waren, daß der Kannibalismus (K.) den Flecktyphus fördern würde. (S. 209 ff.)

Weiter bericht der Truppenarzt Jakob Vogt, daß bereits vor der Kapitulation unter den Landsern in Stalingrad der K. ausbrach: "Die Leute gingen hin und tranchierten die Leichen. Sie schnitten ihnen die Arschbacken raus und haben sie gekocht" (S. 382). Ebenso der Landser Bertold König der berichtet, daß Wehrmachtsveterinäre vom K. unter den Landsern berichteten (S. 152).

Grüße

Popski


25.8.04 07:45:35
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Hoth schrieb u.a.:

... Hinweise auf K. unter russ. KG ... verwundert mich das JEIN bei Sowjets. Da scheint die Situation ja wohl eindeutiger zu sein, als bei der Stalingradarmee ... Das JEIN verwundert aber auf jeden Fall!

Wie Du selbst erwähnst bezieht sich das "Jein" bei den Sowjets auf K. in der Gefangenschaft! Wie ich es ja nach meinem "Jein" ja auch erwähne:"Sowjets: Jein (unter Gefangenen"). Deshalb ein Jein. Währenddessen haben z.B. Landser und Japaner auch außerhalb einer Gefangenschaft K. betrieben. Wobei letztendlich der Kessel von Stalingrad im Endstadium auch bereits eine Art von Gefangenschaft war. Dachte diese Trennung war offensichtlich und auch nachvollziehbar für den Leser (ohne stets einen Roman schreiben zu müssen). Der K. in Leningrad wurde vor Zivilisten betrieben, nicht Soldaten. Sollte es Fälle von K. unter sowj. Soldaten außerhalb einer Gefangenschaft gegeben haben, diese berichtet und belegt sein, dann muß selbstverständlich ein klares "Ja" erfolgen. Das wäre mir unbekannt. Für einen Hinweis Deinerseits wäre ich dann mehr wie dankbar.

Hätten Landser lediglich inn Gefangenschaft K. betrieben, dann wäre ebenso ein "Jein" meinerseits erfolgt.

Grüße
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