Dieses Archiv enthält einen Auszug des Forums für deutsche Geschichte vom 12.10.2001 bis zum 22.12.2005. Wenn Sie mitdiskutieren möchten, besuchen Sie unser Forum unter forum.balsi.de.

Sieg über das Böse: Befreiung, Erlösung ...

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AutorBeitrag

Wintersdorf


8.5.05 10:55:09
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Eigentlich erstaunlich: das Kriegsende wird heute deutlich mehr gefeiert als in früheren Jahrzehnten, als die gesundheitlichen Schäden der Beteiligten und die materiellen Verluste noch viel stärker spürbar waren.

Es ist heute ein richtiger Kult um den Sieg gegen die Nazis. In den westlichen Ländern wird der zweite Weltkrieg immer mehr ein Teil der Religion.

„Das Böse“ hat nun ein konkretes Gesicht – Hitler – und eindeutige Zeichen – vor allem das Hakenkreuz. „Das Gute“ sind die Kräfte der „Freiheit und Demokratie“. Die offiziellen Äußerungen der Deutschen am heutigen Tag sind wie die Bekenntnisse einer Bekehrung zum Guten. Eine Katastrophe für das deutsche Volk wird mit großer theologischer Auslegungskunst als „Befreiung“ im Sinne einer „Erlösung“ vom Bösen gedeutet.

Leute wie Bush sehen vor allem die USA als das auserwählte Land, um nach dem ersten wichtigen Sieg gegen das Böse die Heilsgeschichte der Menschheit möglichst bald zu vollenden.

Die konkreten Ereignisse der Geschichte werden in das Gut-Böse-Schema hineingezwängt. Das Gute kann höchstens einmal schwach geworden sein (Münchener Abkommen) oder im Eifer für das Gute auch einmal die Verhältnismäßigkeit der Mittel überschritten haben, ohne dass sich an der Selbstidentifizierung des Westens mit dem Guten irgendetwas ändert. Die Zweiteilung in Gut und Böse ist so total, dass mir die Behauptung, man habe gegen den Totalitarismus gekämpft, wie Ironie erscheint.

Äußerungen zu Holocaust und Demokratie sind die modernen Glaubensbekenntnisse im Westen. Schon wer die „Einzigartigkeit des Holocaust“ in Frage stellt, wird als Abweichler vom rechten Glauben gerügt. Ähnlich wie im ersten Gebot „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, ist es verboten, den Holocaust und die Vernichtung der Täter als Opfer und Teil der beginnenden Erlösung der Menschheit in Frage zu stellen.

Es ist als Abweichung vom Glauben verboten, Hitler als den schlimmsten Volksführer – neben Stalin – in der Gesellschaft anderer schlimmer Führer (Roosevelt, Churchill) darzustellen, die einander notwendig ergänzten, um - alle zusammen - ein fürchterliches Unglück anzurichten. Es ist verboten, Hitlers Weltanschauung als eine konsequente Weiterentwicklung von Ideen der Aufklärung – quasi als die Kehrseite der Aufklärung – darzustellen. Die Strafe für die Abweichung ist die Exkommunikation, also der Ausschluss aus der Gemeinschaft, die sich über diesen Glauben definiert.

Ich bin gespannt, wie sich dieser Glaube weiterentwickeln wird.

Balsi


8.5.05 11:11:27
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also mal am Rande etwas.. habe gerade in Hitlers Tisch gesprächen von Pickler gelesen welche Auszeichnungen Hitler erhlaten hatte:

EK II
EK I
Verwundetenabzeichen schwarz
Bayerischer Verdienstorden III. Klasse für Tapferkeit
und unter dem späteren Regimentsführer Fontaine ein regimentspatent für Tapferkeit...

Hitler gab 1925 seine österr. Staatsbürgerschaft ab und wurde als Braunschweiger Beamter Deutscher Staatsbürger.. bis dahin war er staatenlos

Petronelli


9.5.05 09:42:57
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Unbestritten war es eine Erlösung! Nämlich vom Töten.
Das Sterben ging zwar erstmal weiter....aber es war der Abgesang dieser unseligen Phase des 20Jahrhunderts.
Ob wir vom Bösen erlöst wurden wage ich zu bezweifeln...
So etwas wie das abgrundtief Böse oder Gute gibt es nicht!
Wer Hitler für einen Dämon hält, der lebt in mittelaterlichen Hexenwelten.
Ansonsten wird dem zweiten Weltkrieg zuviel Aufmerksamkeit geschenkt.
Es haben sich in den letzten 60Jahren ganz andere Probleme der Welt ergeben, die es zu lösen gilt, das geht aber nicht solange wir nur die Vergangeheit sehen.
Der Kult um den Zweiten Weltkrieg soll ruhig gefeiert werden, von denen die es als Religion und Identitätsgeber brauchen.
Die Zeit wird dieses Verhalten irgendwann der Lächerlichkeit preisgeben. Dann sind andere Nationen da, die klaren Blickes das Erbe (und ich meine jetzt nicht das braune) antreten und es vielleicht endlich wirklich besser machen für alle anderen.
Gruß
Peter

[ Editiert von Petronelli am 09.05.05 9:43 ]

Hoover


9.5.05 11:16:15
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Also, in meinen Augen hat sich das "Feiern" (besser Gedenken) schon merklich geändert. Während im Ausland die Selbstbeweihräucherung zunimmt wird in Deutschland dás Kriegsende doch schon kritisch betrachtet und auch auf die Vorkommnisse seitens der Sieger eingegangen.

Wobei man immer anmerken sollte, dass es nur der "VE-Day" ist, also das Kriegsende in Europa. In Asien wurde noch ene Weile munter weiter geschlachtet.

Fast alle von mir Befragten (mittlerweile fast 600 Berichte) sehen die Kapitulation geteilt: Einmal die Freude, dass das Bomben und Morden ein Ende hatte, zum Anderen aber auch die Wut und die Scham, das der Krieg verloren ging und Deutschland besetzt wurde.

Wobei man eines beachten muss: Gerade auf dem platten Land wie bei uns waren die Verbrechen des Regimes fast unbekannt. Man bemerkte, dass die jüdischen Familien verschwanden, aber da es sehr wenige waren nahm man es eher nicht zur Kenntnis.
Die Ausmaße wurden erst ersichtlich, als die Briten die Parteimitglieder nach Bergen-Belsen schafften.
IN der Stadt mochte es anders gewesen sein, da fehlen mir aber die Berichte.

Ich denke, daher ist auch die Sicht des Kriegsendes bei vielen anders. Für mich ist es auch geteilt.Unverständnis habe ich aber für gewisse Elemente, die schwarze Fahnen schwingend die Kapitulation bedauern und die Schuld der Sieger der eigenen Schuld hervorheben oder voranstellen.

Sehr nett war übrigens dazu die Talkshow bei Christiansen. Viel Gelaber ohne wirklich auf den Punkt zu kommen.

Hoth


9.5.05 11:41:27
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Ich empfinde bei diesem Tag eher Wut und Trauer. Wut darüber, daß dieser sinnlose Krieg überhaupt sein mußte und die Blüte der dt. Jugend für die falschen Ideale untergegangen ist. Und Trauer darüber, daß alle Opfer, aller Mut und alle herausragende soldatische Leistung dieser Soldaten doch letztlich umsonst waren und nicht verhindern konnten, daß Deutschland zwar nicht Sieger, aber wenigstens unbesiegt und unbesetzt bleiben konnte. Und Wut, Trauer und Scham zugleich darüber, wie man mit diesen Menschen, die schuldlos und unglückselig in diese Zeit hineingeboren waren und in den Strudel der Ereignisse hineingeworfen worden sind, wie man mit unseren Vätern und Großvätern, unseren Müttern und Großmüttern im eigenen Land umgegeht. Das ist wirklich eine Schande. Der Blick auf Schuld im dt. Namen darf nicht verstellt werden, aber ebenso nicht die Sicht auf die eigenen Opfer.

[ Editiert von Hoth am 09.05.05 11:42 ]

Richtschuetze


9.5.05 12:49:47
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Und Trauer darüber, daß alle Opfer, aller Mut und alle herausragende soldatische Leistung dieser Soldaten doch letztlich umsonst waren und nicht verhindern konnten, daß Deutschland zwar nicht Sieger, aber wenigstens unbesiegt und unbesetzt bleiben konnte


@Hoth ja so sehe ich das auch!Respekt-Smileyklatschender Smiley

Gruss
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