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Giftgas

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AutorBeitrag

cuba


3.8.04 00:26:37
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Hallo miteinander,

ich hätte gerne gewusst, wieso im 2. WK kein oder fast kein Giftgas eingesetzt wurde (die Russen sollen in Stalingrad ja Gas gegen die Deutschen eingesetzt haben) Im 1 WK wurde noch exzessv Senfgas, Chlorgas etc. eingesetzt. Und dann 20 Jahre später einfach nicht mehr...

Lag es daran, dass diese Waffe zu unkontrollierbar war (wind)?

Ich wüsste nicht, was dagegen gesprochen hätte, z.B. London oder andere Städte mit Gasbomben zu beharken (von den ethischen gründen abgesehen natürlich). Da hätte der Wind nicht solch eine grosse Rolle gespielt wie in der Nähe der Schützengräben.

Danke im Vorraus

ZensiertWeilZuBloed


3.8.04 00:37:16
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Nun, zum einen war es sehr unkontrollierbar und zum anderen hatte man angst vor feindlicher vergeltung.
Churchill hatte ende 44 einige zehntausend Tonnen Milzbrand aus den USA bestellt das er auf deutsche Städte abwerfen wollte (Ziele waren u.a Dresden, Hamburg, Berlin) und die STädte für Jahrzehnte umbewohnbar machen würde.
Es wäre allerdings erst ab Juli genug für eine Milzbrandoffensive da gewäsen. Die Deutschen hatten also Glück das der Krieg so "schnell" zuende gegangen ist.

waldi44


3.8.04 10:26:51
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Also Stalingrad ist ja wohl soweit "durch", dass man sagen kann: Auch Stalin hat kein Giftgas eingesetzt!

Warum die Deutschen nicht? Nun, erstens hatte Hitler ja selbst Erfahrung mit dem Teufelszeug sammeln könen und zweitens gab es zu Kriegsbeginn keine Notwendigkeit, auch gegen England nicht (wollte man nicht alle Türen zuschlagen und Brücken abbrechen) und schlussendlich, was die Deutschen konnten, konnten die anderen auch und wie sich später zeigte, noch viel "besser"!

Gegen Kriegsende allerdings soll(?) Hitler den Befehl erteilt haben (Teil des angeblichen "Nerobefehls") alle vorhandenen Giftgaslager zu sprengen- wurde aber wie so einiges zu dieser Zeit, schon nicht mehr ausgeführt!

Vorbereitet hatte man sich allerdings auch auf einen Gaskrieg. Angefangen von der Volksgasmaske bis zum Gasdichten "Strampelanzug" für Kleinkinder!

cuba


3.8.04 10:47:46
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Hm oke, danke für die Antworten. Ob es schlussendlich Notwendig gewesen wäre Gas einzusetzen, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall wollte man den Gegner töten und Gas wäre ein Mittel dafür gewesen.

Es muss doch mindestens einen grossen Grund gegen das Gas gegeben haben, der den "Nutzen" weit überstieg. Dass dann die Städte unbewohnbar gewesen wären, wird bei Milzbrand ja stimmen, aber Senf oder Chlorgas bleibt ja nicht so lange "hängen".

Auch der Grund mit dem "was wir anwenden werden auch die Anderen anwenden" kann ich nicht so ganz nachvollziehen - Hitler war ja nicht gerade dafür bekannt nur auf konventionelle Waffen zu setzen (dann hätte er auch angst gehabt die V2 einzusetzen damit auf Deutschland nicht auch Rakten geschossen werden - dann das Selbe Spiel mit der Artillerie - und das kann man weiter spinnen bis hin zum Gewehr etc.) Fakt ist doch dass Krieg mit allen Mitteln geführt wird bis hin zur Atombombe. Warum ausgerechnet Gas jetz eine Ausnahme sein soll geht mir immernochnicht in den Kopf. Ausser eben die "unkontrollierbarkeit".

Gruss Cuba

waldi44


3.8.04 12:39:44
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Welche Rasketen hätten die Alliierten auf Deutschland abschiessen sollen? Ausserdem brauchten sie es nicht, bei der Stärke ihrer Luftwaffe und nun stell Dir mal 800 bis 1000 Bomber vor, die in rollendem Einsatz Giftgas über das Ruhrgebiet oder Berlin abgeworfen hätten- da hätte es kein Milzbrand gebraucht!

ZensiertWeilZuBloed


3.8.04 13:17:21
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da hätte es kein Milzbrand gebraucht!


Der Unterschied war nur, das Milzbrand die Städte auf Jahrzehnte verseucht und somit unbewohnbar gemacht hätte.
Während man bei Giftgas nur mal gut durchlüften müsste.
Smiley mit dagegen-Schild

Casi


3.8.04 22:33:22
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Ich glaube mal gelesen oder gehört zu haben, daß "Adolf" strikt gegen den Einsatz von Gas war, weil er durch ebensolches im I.WK fast sein Augenlicht eingebüsst hätte. :Schulter:

Gruß, Carsten

ZensiertWeilZuBloed


3.8.04 22:46:01
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Ich glaube mal gelesen oder gehört zu haben, daß "Adolf" strikt gegen den Einsatz von Gas war, weil er durch ebensolches im I.WK fast sein Augenlicht eingebüsst hätte.


Ja, seine Persönlichen Erlebnisse an der Front haben ihn manchmal sehr beinflußt.
z.B der Vormarsch auf Dünnkirchen, da dachte er der Angriff würde scheitern weil die Panzer im Schlamm steckenbleiben, er war im 1.Wk auch in der Region dabei und ist wohl einmal zuviel in den Dreck gefallen.
Und Ja: er lag ne Zeitlang Blind in einem Lazarett wegen einem Giftgas Angriff.

[ Editiert von ZensiertWeilZuBloed am: 03.08.2004 22:46 ]

waldi44


4.8.04 00:18:45
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"Durchlüften" ist gut! Giftgas kann sich durchaus über mehrere Stunden oder Tage in Kellern, Kratern oder anderen schlecht "durchlüftete" Stellen halten.

ZensiertWeilZuBloed


4.8.04 05:12:32
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"Durchlüften" ist gut! Giftgas kann sich durchaus über mehrere Stunden oder Tage in Kellern, Kratern oder anderen schlecht "durchlüftete" Stellen halten.


schon klar, aber das wäre nicht allzu schlimm im Vergleich mit B-Waffen gewesen, wie z.B Pocken oder eben Milzbrand.

waldi44


4.8.04 12:46:25
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Ok, ok- mal abgesehen davon: Sei bitte so gut und mach mal deine Signatur etwas kleinerSmiley mit Hammer auf dem Kopf!

Popski


4.8.04 14:02:05
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Cuba schrieb u.a.:

... wieso im 2. WK kein ... Giftgas eingesetzt wurde ... Ich wüsste nicht, was dagegen gesprochen hätte, z.B. London oder andere Städte mit Gasbomben zu beharken ... Es muss doch mindestens einen grossen Grund gegen das Gas gegeben haben, der den "Nutzen" weit überstieg. ... der Grund mit dem "was wir anwenden werden auch die Anderen anwenden" kann ich nicht so ganz nachvollziehen ..."

Über die Gründe der Deutschen Seite kann natürlich ohne Ende kräftig spekuliert werden, die Briten, insb. Churchill, haben das Thema recht pragmatisch gesehen (mal davon abgesehen, daß der Gebrauch von Gas seit 1925 durch das Genfer Protokoll untersagt war). Erst im Juli 1944 fragte sich Churchill konkret und beauftragte dann General Ismay und das C.O.S. Komitee (am 6.7.44) per Memo vom 6.7.1944 mit einer Studie zur "Frage des Giftgases", sprich der Anwendung gegenüber den Deutschen. Aus obigen Memo läßt sich ablesen, daß die Briten zum damaligen Zeitpunkt Giftgas nicht benutzt hatten, weil sie keine Notwendigkeit darin sahen. Churchill schrieb an Ismay, der "einzige Grund" warum die Deutschen "es nicht gegen uns benutzt hatten, ist der, daß sie die Vergeltung fürchten. Was ihr Schaden ist, ist unser Vorteil." (engl. "But the only reason they have not used it against us is that they fear the retaliation. What is to their detriment is to our advantage."). Churchill theoretisierte weiterhin, daß er "es (Churchill dachte an "Senfgas", m. Zusatz) nicht benutzen würde, außer es würde sich zeigen, daß (a) es Leben oder Tod für uns wäre (sic!), oder (b) es den Krieg um ein Jahr verkürzen würde." (engl. "I would not use it unless it could be shown either that (a) it was life or death for us, or (b) that it would shorten the war by a year.").

Churchill war überzeugt, daß die Deutschen Gas bis zum damaligen Zeitpunkt nicht benutzt hatten, weil sie nicht (!) etwa "moralische Skrupel oder Zuneigung" den Briten gegenüber empfanden (engl. " Why have the Germans not used it? Not certainly out of moral scruples or affection for us."). Sie hatten es nicht benutzt, weil es sich für die Deutsche Seite nicht "auszahlte" (engl. " They have not used it because it does not pay them."). Er gab jedoch zu bedenken, daß sollte das "Bombardement von London eine ernsthafte Belästigung (engl. "nuisance", auch Ärgernis etc.) und große Raketen mit weitreichender (sic!) und verheerender Wirkung auf viele Regierungs- und Arbeitszentren fallen, dann sollte (sic!) ich bereit sein alles ("alles" unterstrichen im Original, m. Zusatz) zu tun, das den Feind in eine mörderischen Platz (sic!) treffen würden (engl. "... bombardment of London became a serious nuisance and great rockets with far-reaching and devastating effect fell on many centres of Government and labour, I should be prepared to do anything that would hit the enemy in a murderous place.". (Zitate z.B. in: Günther W. Gellermann, Der Krieg, der nicht stattfand. Möglichkeiten, Überlegungen und Entscheidungen der deutschen Obersten Führung zur Verwendung chemischer Kampfstoffe im Zweiten Weltkrieg, Bonn, 1986, S. 249ff., aus der 4-seitigen Photokopie des Originalmemos). Ansonsten ist das erwähnte Gellermann Buch eine gute Grundlage für Deine weiteren Überlegungen.

Die kriegführenden Parteien des 1.WK kannten um die Wirkung und Folgen des Gaskrieges. Seit 1942 wußten die Briten auch um die Wirkung und Folgen der Anwendung von Milzbrand. Versuche in England und insb. auf eine Schafkultur in Schottland hatten die verheerende Wirkung aufgezeigt.

Grüße

cuba


4.8.04 14:42:29
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@ Popski

Vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Sind interessante Fakten, die für mich wieder ein bisschen Licht ins Dunkel bringen.

Dass Hitler kein Gas einsetzte, weil er selber durch Gas verwundet wurde kann ich mir nicht vorstellen. Er hatte sicher auch z.B. Artillerie Einschläge u.Ä. miterlebt und gefürchtet - das war jedoch noch lange kein Grund für ihn auf diese Waffe zu verzichten.

Persönlich musste er sich ja vor dem Gas auch nicht fürchten. Seine Soldaten mussten ja den Kopf her halten. Und ob diese jetzt von Kugeln, Granaten oder Gas ins Jenseits geschickt wurden, war ihm (Hitler) vorallem gegen Kriegsende sowieso eglal. Hauptsache sie kämpften fanatisch bis zum Tode.

Gruss Cuba

ZensiertWeilZuBloed


4.8.04 15:11:37
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Er hatte sicher auch z.B. Artillerie Einschläge u.Ä. miterlebt und gefürchtet - das war jedoch noch lange kein Grund für ihn auf diese Waffe zu verzichten.


:tzzzz:

cuba


4.8.04 15:30:26
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könntes du bitte dein " :tzzzz: " ein bisschen aussführen.

Vieleicht liest du auch meinen Beitrag noch einmal.

Popski


4.8.04 22:31:38
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Cuba schrieb:

... Dass Hitler kein Gas einsetzte, weil er selber durch Gas verwundet wurde kann ich mir nicht vorstellen. Er hatte sicher auch z.B. Artillerie Einschläge u.Ä. miterlebt und gefürchtet - das war jedoch noch lange kein Grund für ihn auf diese Waffe zu verzichten.

Und wir wollen ja nicht vergessen, daß Hitler und seine Handlanger überhaupt keine Skrupel hatten andernorts Gas anzuwenden, um Menschen zu vernichten, von denen sie keine "Angst" haben mußten, sie würden sich "wehren" (können) - den Juden.



Grüße

Casi


5.8.04 22:32:55
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Na ja, ich denke auch, daß es etwas anderes ist, wenn einem ein paar Artilleriegranaten um die Ohren fliegen - was sicher auch nicht gerade angenehm sein dürfte - oder man langsam und qualvoll erstickt. :Schulter: So zumindest bei Chlorgas. Im II.WK gab es mit sicherheit schon weiter entwickelte Gase, auf die der Organismus noch heftiger reagierte. Smiley mit dagegen-Schild

Gruß, Carsten

Petronelli


6.8.04 07:23:03
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Hi Casi,
sehe ich auch so, mit dem Gas! Ari-Granaten waren schon seit quasi zig Jahren eine normale Erscheinung, halt nicht so effektiv und treffsicher, aber eben bekannt und die Wirkungsweise berechenbarer und begrenzter!
So weit meine Ifos reichen war es vor allem seine Angst, dass Durch die Alliieren Luftwaffen die Deutschen Städte eben auch noch mit Gasbomben angegriffen hätten werden können das wäre Versorgungstechnisch einer absoluten Katastrophe gleichgekommen!
Nur seltsam, dass er auch, als es um seinen Hals ging, nicht doch noch den Befehl gegeben hat! Denn da konnte es ihm ja längst scheiß egal sein! Sinngemäß von ihm:
"Wenn dass Deutsche Volk nicht siegen will, soll es eben untergehen!" Ich glaube der Wortlaut war noch krasser!
Bei seiner persönlichen Angst davor, bin ich mir nicht sicher, aber möglicherweise ist das auch ein Grund gewesen, gegen einen Einsatz zu entscheiden! Der hatte ja einen ziemlich seltsamen Charakter!
Was die Kampfstoffe angeht kann ich nur sagen, wäre es kein Spaß in sowas reinzugeraten, wenn ich es mir aussuchen müsste, würde ich auch viel "lieber" einen konventionellen Krieg wählen! Bei den Kampfstoffen gibt es einen Dreck, das ist unvorstellbar, alleine die Stick- und Schwefel-Loste!
Man kann sich nur wünschen, dass die Dinger eine möglichst geringe Halbarkeitszeit haben! Denn wir haben auch genug von dem Mist eingelagert alleine an Nervengasen sollen ca. 500t lagern (Soman und VX) an moderner Munition wohlgemerkt!
Gruß
Peter:dito:Schock!!!!
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